Arbeiterwohnungen.
41476
haren hinzunehmen geneigt ist; sie nimmt vielntehr ihren Aufang
schon mit den Miethswohnungen, welche den Arbeitern nament—
iich in industriellen Gegenden geboten werden. Wie sehr es
Noth thut, in dieser Richtung Abhülfe zu schaffen, zeigt eine
Studie des bad. Fabrikinspektors Wörishoffer. Derselbe hat
in seiner jüngst im Druck erschienenen Arbeit: „Die soziale Lage
der Fabrikarbeiter in Mannheim und dessen nächster Umgebung“,
die wirthschaftlichen Verhältnisse jener Arbeiterbenölkerung in
sorgfältigster Weise untersucht.
Eine besondere Aufmerksamkeit wurde nun in dem vor—
riegenden Werke der Untersuchuug der Arbeiterwohnungs—
»erhältnisse zugewendet. Bezüglich der Ergebnisse der umfang—
reichen und sorgfältigen Beobachtungen muß hier auf das
Originalwerk verwiesen werden, es sei nur soviel erwähut, daß
man wohl unterscheiden muß zwischen den Miethskasernen, welche
lediglich für den Zweck des Gelderwerbes gegründet wurden und
zur Erzielung möglichst hoher Miethszinsen unterhalten werden,
und andererseits den von den Fabriken hergestellten Arbeiter—
wohnungen, welchen aus naheliegenden Gründen die Erreichung
der Zwecke erwähnter Art fernliegen. Bei diesen letzteren ist
dementsprechend auch die Wohnungsfrage zum Abschluß gebracht.
Anders steht es begreiflicherweise mit den sogenaunten
Miethskasernen. Das Bild, welches uns darüber entrollt wird,
ist kein erfreuliches zu nennen. Eine große Zahl von Wohn—
ungen unter demselben Dache (bei einem Gebäudekompler 117),
enge Gänge, enge Zimmer, die oft zugleich als Küche dienen.
und eine Ueberfüllung der gebotenen Räume mit Bewohnern,
kurz, alles darauf hinausgehend, unter ein und demselben Dache
möglichst viel Menschen unterzubringen.
Nachdem Verfasser diese Lage des Wohnungswesens möglichst
eingehend beschrieben, geht er über zu einer allgemeineren Be—
handlung der Wohnungsfrage, die wir in Folgendem wieder—
geben:
Die Wohnungsfrage ist eine so wichtige, daß es sich kaum
vermeiden läßt, bei der folgenden kurzen Zusammenfassung der
gewonnenen Ergebnisse wenigstens den Eindruck wiederzugeben,
welcher sich bei der eingehenderen Befassung mit diesem Gegen—
stande in Bezug auf die Möglichkeit einer Beseitignug oder Ver—
minderung der vorhandenen Mißstände aufdrängt.
Ohne Zweifel ist das Wohnen der Arbeiter die dürftigste
Seite ihrer gauzen Existenz. Die Fortfchritte, welche hinsicht—
iich der Bezahlung und in der Ernährung, vielfach allerdings
auch nur in der Möglichkeit einer besseren Eruährung, gemacht
worden sind, können, so werthvoll sie in Bezug auf die körper—
iche Entwickelung sind, doch nicht zur vollen Geltung kommen,
so lange die Arbeiter in ihrer Mehrzahl so wohnen nmiissen, wie
dies hier der Fall ist. In Wohnungen, wie sie in ihrer großen
Mannigfaltigkeit so eingehend, als unter den vorliegenden Ver—
wRältnissen möglich war, zu schildern versucht wurden, ist ein
Fortschritt zu einer höheren Kulturstufe nicht möglich, weil der
wichtigste Faktor hierzu, das Familienleben mit seiner Entfaltung
ittlicher Beziehungen zwischen den einzelnen Gliedern, hier nicht
gjenügend in Wirksamkeit treten kann. Daß aber in einer großen
zahl von Arbeiterfamilien das Bedürfniß nach einem kültivir—
ieren Leben vorhanden ist, das sieht man schon bei dem natur—
gemäß doch nur flüchtigen Besuch der einzelnen Wohnungen aus
den achtbaren, unter den vorhandenen Verhältnissen leider aber
häufig vergeblichen Versuchen, welche nach dieser Richtung ge—
mäacht werden. Jedenfalls sind in dieser Beziehung aber mehr
zteime vorhanden, als nach außen hin erkennbat werden. Ge—
radeso, wie, man bei solchen Versuchen das Schlimmste nicht
sieht, was in den Familien ist, so entzieht sich auch das Beste
der Wahrnehmung.
Die vorhandenen Mißstände lassen sich fast durchweg auf
das zu dichte Zusanimendrängen der Bewohner und die zu knappe
Bemessung des Raumes im Allgemeinen zurückführen. Alle
anderen Mängel treten gegen diesen weit zurück. Trotzdem
werden aber dieienigen Seiten des Wohnungswesens, welche
unter den gegebenen Verhältnissen einer behördlichen Einwirkung
zugänglich sind, besonders auch die sanitäre Seite der Frage,
nicht vernachlässigt. So wurde eine Reihe sanitärer Wohnungs—
mißstände in Mannheim beseitigt und eine Anzahl gesundheuüs—
widriger Wohnungen geschlossen. Außerdem wuͤrde seit dem
Februar 1891 auf Anregung des Bezirksamtes seitens der Stadt
ein besonderer zontroleur angestellt, welcher die mit der Wohnungs—
vezugserlaubniß abschließende besondere Thätigkeit des Vaukon—
roleurs, fortsetzt und die Benusung der mit banpolizeilicher
enehmigung Lingerichteten Wohnungen überwacht. Erfahrungen
über die Wirksamkeit dieser neuen Einrichtung stehen noch aus.
Die ungenügende Größe der Wohnungen ift zum Theil ein Aus—
Auß der hohen Bodenpreise, zum Theil die Folge der für manche
Arbeiter vorhandenen Nothwendigkeit, im Innern der Stadt zu
vohilen. Dieselben Ursachen führen auch die verhältnißmäßig
johen Miethspreise herbei. Die letzteren erfahren noch dadurch
ine ganz beträchtliche Steigerung, daß nur eine gewisse Art
»on Leuten sich mit dem Vermiethen an Arbeiter befaßt, weil
die meisten Menschen nicht die Erträgnisse ihres Eigenthums
»on solchen eintreiben wollen, welche, wie die Verhältnisse jetzt
ioch liegen, von der Hand in den Mund leben. Dadurch er—
salten Diejenigen, welche darin weniger skrupulös sind, um so
nehr eine Art von thatsächlichem Monopol, als ihre Zahl noch
veiterhin durch das Erforderniß des Besitzes von Kapital be—
chräukt wird, und sie erheben infolge davon wirkliche Monopol—
reise. Die Vertheuerung durch die genannten ungünstigen Ver—
sältnisse erfährt noch eine weitere, ganz erhebliche Steigerung
urch den Umstand, daß ein freier Wettbewerb des zur Ver—
igung stehenden Kapitals nicht vorhanden ist. Daher die
ußerordentlich hohe Rente, welche, wie früher nachgewiesen
vurde, solche Gebäudekomplexe abwerfen. Bei einem Theil der—
elben fällt die ganz hohe Rente dadurch weg, daß sie bei'm
Figenthumsübergange bis zu einer gewissen Grenze kapitalisirt
vird.
Allen den vorhandenen Mißständen könnte durch ein
veiteres Hinaufgehen der Löhne nicht abgeholfen werden, weil
die genügende Zahl räumlich entsprechender Wohnungen über—
sjaupt nicht vorhanden ist und solche Wohnungen von den Ar—
Heitern auch nicht beschafft werden könnten, wenn sie im Besitze
»on mehr Geld wären. Die erste Bedingung wäre daher die
Herstellung zweckentsprecheuder Wohnungen in genügender Zahl.
Andernfalls würde eine Steigerung der Löhne wahrscheinlich nur
iin Hinaufschrauben der Miethspreise zur Folge haben. Woh—
iungen, welche für die Ardeiterbevölkerung geeignet sind, werden
vohl nicht im Rahmen des Stadtplanes an der Peripherie auf
heurem Baugrund herzustellen sein. Hierfür würde wahrschein—
ich am besten durch eine besondere, auf billig erhältlichem Boden
zu erstellende Kolonie Sorge getragen werden, auch wenn sie
hon der Stadt etwas entfernt wäre. Für den Theil der Ar—
)eiter, welcher durch seine Beschäftigung darauf angewiesen ist,
n der Stadt selbst zu wohnen, würde daun in den vorhandenen
Wohnungen genügend Platz und die Möglichkeit gegeben sein, in
hneu den jeder Familie zu einer geordneten Eristenz nöthigen
Nanm zuzuweisen. Daß selbst dann noch eine gute Verzinsung
der in den Arbeiterhäusern steckenden Kapitalien möglich
ist, zeigen die angeführten Beispiele, welche ohne Rücksicht auf
dieses Verhältniß beliebig herausgegriffen wurden. Eine Ge—
ellschaft würde daher noch die Möglichkeit haben, durch
seschicktes Zusammenkaufen von Arbeiterhäusern dem jetztigen
Treiben wirksame Koukurrenz zu machen. Diese Seite der
Vohnungsfrage ist auch in der von Professor Bucher
serausgegebenen „Wohnungsenquete in Basel“, welche die ganze
Frage nach allen Seiten hin erschöpfend behandelt, eingehend ge—
vürdigt worden. Um beides durchzuführen, wäre aber die erste
Voraussetzung die, daß das Kapital sich diesen Zwecken willig zeigte.
Das Einzelkapital wird hierzu auch künftig kaum geneigt sein,
nicht weil ihm die Verzinsung zu gering wäre — es würde
»ielmehr mit geringerem Ertrage zufrieden sein, — sondern weil
dapitalbesitzer sich aus den schon genannten Gründen den mit
iner solchen Anlage verbundenen Geschäften nicht unterziehen
vollen. Man kaun also sagen, daß die Wohnungsverhältnisse
der Arbeiterbevölkerung in unserem Gebiete sowohl, wie im All—
gemeinen, nur dann eine durchgreifende Besserung erfahren
önnen, wenn es gelingt, mit genügendem Kapital ausgestattete
Sesellschaften zu bilden, welche diese Angelegenheiten aus den
dänden nehmen, in welchen sie sich jetzt befinden, welche nach
virklichen Geschäftsgrundsätzen verwaltet werden und den einzelnen
Nitgliedern diejenigen Verrichtungen abnehmen, welche sie nicht be—
orgen wollen. Auch wenn durch größere Leistungen der jetzt aus den
rbeiterwohnungen gezogene Gewinn geschmälert würde, bliebe
mimer noch eine genügende Verzinsung übrig, besonders, da solche
hesellschaften wenigstens für ihre Neuanlagen keine Spekulations—
sewinne und keine wiederholten Verkaufskosten zu bezahlen hätten.
So viele öffentliche Kassen und wohlhabende Privatleute klagen ja
iber die Schwierigkeit, Kapitalien anzulegen. Hier würde eine gute
Helegenheit dazu sein, und es wäre damit außerdem in sozialer
Beziehung etwas geleistet worden, wenn auch eine Wohlthätigkeit
m engeren Sinne hierdurch nicht ausgeüübt wird. Ohne zweifel
erfordert die Besserung dieser Verhältnisse die Ueberwindung
großer Schwierigkeiten und nur in einer längeren Zeitperiode
vird dies überhaupt durchführbar sein. Daß dies aber über—
zaupt möglich ist, zeigt die Wirksamkeit der Wohnungsgesell—