Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1882, Bd. 1, H. 1/12)

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wie ein verweichlihtes Bäumchen, und weil bei dem Bestreben des 
verweichlichten Körpers nach unförmlicher Volums8zunahme nur Gewalt 
dies verhindern kann. Daß unter Anwendung dieser Gewalt die 
Eingeweide leiden, ist klar. 
Die Sache ändert sich aber in der Wolle und mit dem wollenen 
Corsett sofort. Die Wollenen Damen, insbesondere die, welche in 
der Wolle Damen werden, brauchen keine Gewalt anzuwenden, um 
„Facon“ zu behalten, und ihr strammer fester Körper braucht keine 
Stüße, sie schnüren sich deßhalb nicht mehr als zulässig, und da ihr 
Corsett nicht von Leinwand, sondern von Wolle, so haben sie alle 
Vortheile der Lendengürtung ohne deren Nachtheile. 
Mit dem Corsett ist es fast wie mit dem Schuh. Die bisherige 
Hygiene hat die Uebelstände immer nur in den mechanischen und 
Räumlich keits verhältnissen gesucht, während der Sitz des Uebels 
die Anwendung gesundheitsshädlicher Stoffe ist. . 
Jäger. 
Die Behandlung der Säuglinge. 
Ueber dieses Thema will ich zunächst nur Eines an der Hand 
des Folgenden erläutern. 
Aus Helsingfors (Finnland) erhielt ich am 6. Juni folgendes 
Schreiben: 
„Verzeihen Sie einer geängstigten Mutter, welche sich mit der 
Bitte an Sie wendet, ihr bald die Frage beantworten zu wollen: 
Wie muß man ein kleines Kind behandeln, das man an reine 
Wollkleidung gewöhnt hat? 
JI<h habe meinen jetzt sieben Monate alten Knaben von seinem 
dritten Monat an in reine Wolle gekleidet. Derselbe war von Ge- 
burt an kräftig und vollkommen gesund und ist auch geistig für sein 
Alter besonders früh entwickelt. Indem er jedoch während der ersten 
Lebensmonate in seinem Wachsthum und Kräftigwerden sichtliche Fort- 
schritte machte von Woche zu Woche, ist er jetzt schon seit Monaten 
fast im Wachsthum stehen geblieben, und das früher so feste Fleisch 
jeiner Beinchen ist weich und matt geworden. Dennoc< bekommt er 
die kräftigste Nahrung von einer gesunden Amme und in den leßten 
Wochen täglich noc<h ein Eigelb. Wir haben ihn von Geburt an oft 
gebadet; ehe er die Wollkleivung trug, täglich. =- Nach Annahme der 
reinen Wollkleidung badeten wir ihn 3 Mal wöcentlih in Wasser 
von 33 oder 34 Grad Celsius. Dabei kommt das Kind täglich in 
die frische Luft und schläft in einem stets sehr gut ventilirten Zimmer 
auf reiner Wolle. 
Greift die starke Hautausdünstung durch Wolle das Kind zu sehr 
an? Dürfen wir es nicht so oft baden, und wie oft darf es geschehen ? 
Bitte, sehr geehrter Herr Professor, geben Sie mir gefälligst 
brieflih Antwort auf meine Fragen, die mich jeht Tag und Nacht 
mit den sorgenvollsten Gedanken verfolgen;
	        

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