Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1882, Bd. 1, H. 1/12)

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sagt, „den Fle> neben das Loch" und liegt geknickt, theeschlürfend und 
arzneischlu>kend zu Hause. Dem gegenüber geht der Wollene wie der 
Mann im Feuerofen unbeirrt im gleichen Gewand durch Hize und Kälte, 
Nebel und Sturm, Regen und Sonnenschein, lachend und pfeifend. 
Auch in der ersten Winterhälfte ist der Wollene no<h entschieden 
und sichtbar oben auf. Der andere pustet und hustet in Pelz und 
Veberzieher gehüllt und heizt zu Hause, daß der Ofen knallt, während 
der Wollene im schlanken Jägerro> stolzirt und zu Hause sogar noch 
bei offenem Fenster arbeitet. Aber „mit des Geschies Mächten ist 
fein ewiger Bund zu flehten und das Schisal schreitet schnell!“ Der 
Winter wird immer herber, zwar im Freien da ist der Wollene immer 
no< Sieger, er braucht immer noch keinen Ueberzieher, aber zu Hause 
fängt es jekt zu spucken an, „es stinkt in der Fechtschule“, weil es 
mit. dem offenen Fenster nicht mehr geht. Der Wollene ist ein „luft- 
bedürftiger Vogel“. Nichts auf der Welt ist umsonst, seine Wetter- 
festigkeit hat er bezahlen müssen mit der „Frischluftbedürftigkeit“ und 
die macht ihm jet, wenn er in sein geheiztes Zimmer eingeschlossen 
ist, am Ende gar noh mit einer steifleinenen Gattin und halbwollenen 
Kindern und Dienstboten, die ihm schon den ganzen Herbst durch das 
Haus mit Katarrhduft vollgehustet haben, einen Strich durc<h die Rech- 
nung = er leivet wie ein frisch ins Käfig gestecter Vogel und fängt 
auc zu husten an. 
In diesem Jahr ist der Unterschied nun ein besonders schroffer. 
Wir haben hier in Stuttgart seit einigen Wochen einen ungewöhnlich 
hohen Barometerstand, also eine „dicke Luft“ par excellence, dabei 
vollkommene Windstille und das Thal gefüllt mit einer grauen, rauch- 
dur<wirkten Nebelde>e, welche all den Boden- und KloakmiaSmen und 
Menschendüften zu einer ungewöhnlichen Concentration verhilft. Vergesse 
der Leser die zwei Generalsäte meiner Krankheitslehre niht: Erstens: 
Krankheit ist Gestank! Zweitens: Jeder Duft wird durch Concentra- 
tion (Gindi>ung) zu Gestank. Also wenn die Luft so eingedickt wird wie 
gegenwärtig, dann ist es auch mit der Widerstandskraft de3 Wollenen 
aus. Worin besteht denn diese? Nach dem was ich in Nr. 2 erör- 
terte, einfach darin, daß er durch seine gestankfrei bleibende Kleidung 
nnd seine flotte Hautausdünstung den Duftstoffstand seiner Körpersäfte 
auf einem niederen ungiftigen Concentration8grad erhält. Das ge- 
lingt ihm aber begreifliherweise nur so lange, als die ihn umgebende 
Luft dünn genug ist, um die Körperdüfte, die er abgibt, aufnehmen 
und fortführen zu können. Das ist aber aus in dem Moment, wo 
die äußere Luft selbst eine so di>e Lösung von Duftstoffen wird, daß 
sie nach den allgemeinen Gesezen der Gasdiffusion nur noch wenig da- 
von aufzunehmen vermag. 
- Die Sache kann hier sogar soweit gehen, daß ihm der Steif- 
leinene obenauf kommt und anfängt ihn auszulahen. Man kann das 
bei einer andern Situation sehen: In dem mit Mensc<hendunst, Tabak- 
rauch und Bierduft gesättigten Qualm einer überfüllten Kneipe ist es
	        

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