Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Einflüsse und Wirkungen des Klimas und der Volkssitten abgiebt. Zur 
Bestätigung des Gesagten kann ich noch aus eigener Erfahrung die Pfann- 
kuchen meiner Vaterstadt Bremen anführen, die wie alle anderen Kuchen 
der Art aus Eiern, Butter, Mehl und Mil< gemacht werden. Dieselben, 
sowohl die der Stadt selbst, als auch die der Umgegend in einem Radius 
von 6 bis 7 Meilen, haben einen ganz eigenthümlichen Geschma>, der mir 
sehr wohl bekannt ist, obgleich ich ihn Ihnen nicht beschreiben kann. Dieser 
Geschma> ist so bestimmt ausgeprägt, daß ich allemal, wenn ich in meinem 
nomadisirenden Leben mich jener lieben Stadt wieder zuwende, davon frappirt 
werde, und daß ich, mit verbundenen Augen durch die Welt reisend, genau 
die- Gegend meiner Vaterstadt na< dem Geschma>e der Pfannkuchen an- 
geben könnte. J<h habe auch eine so deutliche Jdee von diesem Pfannkuchen- 
geschmacde, daß ich ihn fast willkürlich auf meiner Zunge reproduziren kann, 
und in den Zeiten, wo ich in der Fremde noch an Heimweh litt, hat mich 
die Erinnerung an diesen Pfannkuchengeshma> und Pfannkuchengeruch, der 
meine Jugend umduftete, zu Thränen gebracht, wie ich denn, nebenher ge- 
sagt, finde, daß durch die eßbaren Produkte unseres Vaterlandes das Heimweh 
besonders tief und heftig aufgeregt wird.“ =- „Ei, Ei! Sie arger Epikuräer, 
unterbrach mich hier meine Gesprächsgenossin. =- „Nun warten Sie nur 
noch ein wenig mit Jhren Vorwürfen,“ bat ich dagegen, „ich bin noh nicht 
zu Ende. Nun sehen Sie, dieser allgemeine Geschmack, den alle Pfannkuchen 
meiner Vaterstadt theilten, war doch wieder in jedem Hause anders. Und 
ich erinnere mich noch sehr wohl, wie sie bei Onkel T. und Tante N. sc<hmedten. 
WaZ3 ich wieder eben so genau kenne, sind die so sehr beliebten und zarter 
Liebe werthen Kümmel- und Schmantkuchen Jhres Vaterlandes, der deut- 
schen Ostseeprovinzen, die man dort überall des Abends in den schönen russischen 
Karavanenthee taucht. J< habe nirgends Kuchen gegessen, die in ihrem 
Geschmace ähnlich sind, und doch kann man wieder innerhalb ihres Ver- 
breitungsbezirkes an der Ostsee sehr genau Mitau'sche und Riga'sche Schmant- 
kuchen unterscheiden. Ja, auf fast jedem Edelhofe Jhres Vaterlandes, deren 
ich viele kenne, habe ich eine dort eigenthümlich heimische Ba>- und Geschmac>s- 
weise der Schmantkuchen gefunden, die selbst bei'm Wechsel des Küchen- 
personals blieb und haftete und ohne Zweifel ein Ergebniß des Familien- 
geistes, der Wirthschaft8- und Klimaverhältnisse u. |. w. war. Ja, auf 
manchem Rittersiße mag dieselbe Nuance der Schmantkuchenbakweise seit 
alten Zeiten zu Hause fein, so wie man sich auch gewiß nicht mit Unrecht 
überzeugt halten kann, daß das alte Volk der Chauken, welches die Vor- 
väter meiner Landsleute waren, Pfannkuchen von gerade demselben Gesc<hmace 
gehabt haben wie meine Zeitgenossen, deren Vorältern sie waren, so daß 
der Charakter dieser Pfannkuchen, im Wesentlichen unverändert und durch 
die umwälzenden welthistorischen Einflüsse nur wenig gemodelt, sich durch 
das ganze Mittelalter und die anderen geschichtlichen Perioden hindurchzieht, 
ebenso wie der Charakter der pfannkuchenbakenden Bauern, die auch noch 
da3 Gepräge der von Cäsar und Tacitus beschriebenen tragen. Sehr merk- 
würdig war mir in dieser Hinsicht auch immer die Maingränze zwischen 
Nord- und Süddeutschland in Bezug auf den verschiedenen Theegeschmac> 
dieß- und jenseits. J<h habe lange genug in beiden Ländern gelebt, um 
versichern zu können, daß es in Württemberg, Darmstadt, Baden, Franken 
u. s. w. einen ganz eigenthümlichen Geshma> des Thees giebt, welcher sich 
auf eine höchst piquante Weise von dem in Cassel, Hannover, Thuringen 
u. s. w. herrschenden unterscheidet. Sollten in jenen Ländern gewisse, allen
	        

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