Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Wasserquellen gemeinschaftliche Eigenschaften denselben Theegeschmac> pro- 
duciren, oder kommen in diesen Provinzen auf gewissen Handelswegen nur 
gewisse Sorten und Mischungen des <inesisc<en Krautes unter die Menschen ? 
Oder walten hier gewisse, allen Bewohnern jener Landschaften gemeinsame 
Sitten und Gewohnheiten ob ? Wenn wir auch nie dahin kommen werden, 
es zu analysiren, wie der Charakter des Landes, der Menschen, des Himmels, 
der historischen Entwikelung sich in solchen Dingen abspiegelt, so ist es doch 
interessant, ihre Existenz auszumachen, weil sich von ihnen wieder auf Anderes 
schließen läßt, und die Reisenden sollten fleißig ihren Geschma> gebrauchen, 
um dergleichen Sachen zur Gewißheit zu bringen. Ja, auch riechen sollten 
die Reisenden besser und schärfer und die Erfahrungen, die sie auf diesem 
Wege gemacht, mittheilen. Denn -- -- " 
„O! ich bitte, fangen Sie wieder von diesem indelicaten Kapitel an ? 
Ueberschlagen Sie das! J< habe schon gestern mein halbes Riechfläsc<h<hen 
darüber ausgeleert.“ 
„Es ist doc< aber ein so ächt philosophisches Thema, meine Gnädige, 
und ich habe mich sehr kurz gefaßt. Erlauben Sie mir, weiter zu lesen.“ 
„Sie werden mir aber dann nicht übel nehmen, wenn ich indeß die 
schöne Gegend ein wenig mehr beachte als Jhre Vorlesung.“ 
„Ja, auch riechen sollten die Reisenden besser. Denn es leidet keinen 
Zweifel, daß jedes Land und jede Nation ihren ganz eigenthümlichen Geruch 
hat, der mit entschiedener Bestimmtheit und scharf ausgeprägter Eigenthümlich- 
teit bei jedem Volke auftritt. Man findet ihn in jedem Lande an den 
öffentlichen Orten, in den Kaffeehäusern, Schenken u. [. w. am meisten ent- 
wickelt und kann ihn hier am bequemsten beobachten. C5 ist dieser National- 
geruch ein Gemisch, welches aus den Gerüchen der verschiedenen Getränke 
und Speisen, die das Volk vorzug5weise zu sich nimmt, aus den Gerüchen 
seiner Kleidung und seiner eigenen specifiken nationalen Ausdünstung zu- 
sammengeseßt ist. Es herrscht darin oft eine Sache, mit der die Nation 
vielfach in Berührung kommt, vornehmlich vor, so 3. B. bei den Litthauern 
der Häring, bei den Polen der Branntwein, bei den Großrussen das Juchten- 
leder, bei den Kleinrussen der Knoblauch, bei den Juden ihre eigenthümlich 
specifischen Hautgerüche. Unser Gedächtniß ist gewöhnlich für die Gerüche 
nicht so treu und unsere Einbildungskraft zu ihrer Reproduction aus innen 
heraus nicht so stark wie bei den Vorstellungen und Anschauungen, die wir 
durch's Gesicht erhalten. Aber doch erinnere ich mich noh mit großer Leb- 
haftigkeit des Nationalgeruchs des friedlichen Völkhens, das Jhr Vaterland, 
Kurland und Livland, bewohnt, der Letten. Dieses Volk ißt viele Häringe, 
trinkt unmäßig Branntwein, raucht wenig, kennt keinen Knoblauch, hat des 
feuchten Klimas seines Landes wegen feuchte Kleider, die nie recht austro>nen, 
und bedient sich fast bei allen seinen Hausgeräthschaften des Birkenholzes. 
=- Hieraus und aus seiner eigenthümlichen Ausdünstung ist die Atmosphäre 
in allen seinen Wirth3- und Wohnhäujern zusammengesebt. Der Geruch 
ist durchaus specifik, und man nimmt ihn selbst bei jedem Zudiwiduum, den 
er in langem Schlepp hinterherzieht, wahr, wenn man bei'm Vorübergehen 
aufmerkt. Nach Litthauen hin verliert sich dieser lettische Volksgeruch al l- 
mählig, und es tritt erst nach und nach ein anderer ein. Nach Esthland 
dagegen set er schroffer ab, wo mit den finnischen Stämmen gleich ein 
völlig verschiedener, viel piquanterer Geruch auftritt. Was ließe sich nicht 
Alle3 von dem großrussischen Volksgeruche sagen, der an allen Wohnungen, 
Kleidern, Waaren und Personen dieser Nation haftet. Hier in diesem Lande,
	        

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