Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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An einem sehr heißen Sonntag im Juli machte ich zur heißesten 
Tageszeit um 3 Uhr Mittag beschwert dur< das Mittagessen auf 
sc<hattenlosem Weg im Kameelhaaranzug einen Dauerlauf von etwa 
4 Kilometer, was ich unter sonst gleichen Verhältnissen im Sc<afwoll- 
anzug schwerlich fertig gebracht hätte, denn die Dauerlauf-Versuche, 
von venen ich früher berichtete, wurden Morgens nüchtern bei kühler 
Witterung auf leicht abfallendem Terrain ausgeführt. 
Bei meiner Fußwanderung durch die Alpen nach Jtalien handelte 
es sich nicht um Parforcetagemärsche, da wir die Gegend genießen, 
mein Sohn auch skizziren wollte, und so wurde immer nur der Vor- 
mittag zu einer eigentlichen Leistung8probe benüßt. Diese erfuhr aber 
folgende an und für sich schon sehr interessante Störung: 
Wie die Leser meiner Schriften wissen, war vor der Wollzeit 
Sodbrennen mein steter Begleiter; seit Durchführung des Regimes ver- 
misse ich es oft Monate lang ganz und nur hier und da, namentlich 
wenn ich etwas esse, was mir nicht schmeckt, oder in Gedanken von etwas 
Wohlshme>endem zu viel esse, werde ih an mein altes Leiden 
erinnert, und endlich bei einem 3. Fall: so oft ich eine Erholungsreise 
mache, beginnt am ersten oder zweiten Tag und zwar eigentlich ganz 
unmotivirt, d. h. öfter shon nach dem Frühstück Sodbrennen und habe 
i< mir deßhalb bei meinen Erholungsreisen stet3 knappe Diät aufer- 
legt, aber ohne daß es mir ganz gelang, das Sodbrennen zu verhindern; 
in den diesjährigen Osterferien dämmerte mir erstmals die Vermuthung 
auf, daß das eine Erholungskrise, d.h. die Austreibung desjenigen 
Indispositionsstoffes sei, dessen Aufsammlung eben mich in den Zustand 
der Erholungsbedürftigkeit versezt, während ich früher die Sache als 
die bekannte Akklimatisationskrankheit auffaßte. Ob meine Vermuthung 
richtig, konnte ich aus meiner bisherigen Erfahrung nicht entnehmen, 
denn die längste Dauer meiner Abwesenheit von Hause während der 
Ferien betrug -- und das auch nur selten -- 144 Tage, und ich erinnerte 
mich allerding3, daß die Sache am Anfang stet8 am schlimmsten war. 
Da meine Abwesenheit diesmal 24 Tage betrug, so konnte die Sache 
ausprobirt werden, und es bestätigte sih meine Vermuthung: Das 
Sodbrennen begann schon am ersten Tag, plagte mich dann Tag für 
Tag fast den ganzen Tag, theilweise noc< in die Nacht hinein, erreichte 
seinen Höhepunkt etwa am fünften Tage, verminderte sich dann und 
war mit dem zehnten Tage definitiv beendigt. Von jeht an konnte 
ich essen und trinken, was und wie viel ich wollte, mein Magen markirte 
auch nicht einmal nur die Stelle, wo er sißt. Von Akklimatisation konnte 
gar feine Rede sein, da wir fast jeden Tag wieder wo anders waren, 
wir schliefen nur an zwei Orten (Mailand und Genua) mehr als ein- 
mal. Die Sache war somit wirklich eine Erholungskrise; aber das Unge- 
schickte war, daß sie eben in die Zeit der Fußwanderung fiel, denn 
am neunten Tage kam meine Frau per Bahn nach und damit waren 
jezt Parforcetouren ausgeschlossen. 
Da jeder, der einmal an Sodbrennen gelitten hat, weiß, wie
	        

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