Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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uns also nach reiflicher Ueberlegung in vegetarische Küche. Der Erfolg 
schien großartig. Wir widerstanden der Ungunst der oben geschilderten 
Verhältnisse vortrefflich. Aber nach ein paar Monaten, als der Diät- 
wechsel seine Schuldigkeit gethan hatte, erwies sich die Diät selber (wenig- 
sten5 die in der vegetarischen Speiseanstalt gebotene) als unzureichend für 
den vielleicht abnormen Kräfteverbrauch und wir sahen uns genöthigt, all- 
mählich wieder zu eiweißreichen Speisen überzugehen. Da, in diesem 
Hangen, Bangen und Umhertappen fiel uns Jhre „Normalkleidung“ in 
die Hände. Ein Studium von ac<t Tagen, ein Ueberdenken von weiteren 
acht Tagen und mein Freund stete in der Hemdhose und Wollschuhen, 
ich im Normalhemd; ditto Anzug und Wollshuhen, beide festgewillt, dieses 
System von Grund aus zu probiren und demselben so vorurtheilsfrei wie 
möglich auf den Zahn zu fühlen. 
Theoretisch ges<ah dies durch die eifrige Lektüre Jhrer „Entdeckung 
der Seele“, Jhrer „menschlichen Arbeitskraft“ und Jhrer kleineren Auf- 
säße im Monatsblatt 2c., praktisch durch das Tragen der nunmehr täglich 
sich vervollständigenden Normalkleidung, Liegen auf und unter Wolldecken, 
Schlafen bei offenen Fenstern, Baden 20. Die von Ihnen vorgeschlagenen 
Temperaturwechselexperimente hatten wir nicht nöthig; unsere tägliche Be- 
schäftigung war ein lebendiges Experiment und oft ein gewagtes. 
Hochverehrter Herr Professor! Was soll ich weiter sagen, al3: wir 
sind ein Jahr lang nicht krank gewesen. Mein Freund hat nicht eine 
Stunde Dienst versäumt seit 1. Sept. vorigen Jahres, ich habe nicht 
eine Erkältung durc<zumachen gehabt und meine <hronis<he Migräne, an 
welcher ich seit frühester Kindheit leide, ist seltener und regelmäßiger, meist 
auch schwächer aufgetreten. 
Dur dieses immerwährende Gesundheitsgefühl steigerte sich unsere 
Leistungsfähigkeit natürlich um ein Bedeutendes, und von deren Nothwen- 
digkeit kann sich der Nichtmusiker nur annähernd einen Begriff machen. 
Unsere Beschäftigung gehört eben fast zu den ungesundesten, die es gibt. 
Im April traten wir mit unserer Kapelle eine viermonatliche Kunst- 
reise an, während welcher wir in 61 Tagen 40 Städte besuchten und 60 
Konzerte gaben. Lettere fanden abwechselnd in sommerheißen Sälen und in 
mehr oder weniger ungesunder Abendluft im Freien statt. Tags über 
schlukten wir alle Arten Cisenbahnstaub. | 
Erwähnen will ich auch, daß wir in Stuttgart viel überlegt haben, 
ob wir unserem Dankgefühl gegen Sie nachgeben und Sie besuchen jollten 
oder nicht. Die Rücksicht auf Ihre arbeitbesehte Zeit und unsere Jugend 
als Wollmenschen hieß uns diesen Besuch noch aufschieben, bis weitere ge- 
machte Erfahrungen im Interesse der guten Sache uns dazu mehr berech- 
tigen würden. | . . er 
Diese Erfahrungen ließen nicht auf sich warten. Vom 1. Juli ab 
konzertirten wir in Amsterdam. | | | | 
Wir spielen hier täglich zweimal im Freien unter einem großen, 
meist nassen Regendach von Leinwand, sind Sturm und Wind bis zur 
vollständigsten „Durchluftung“ 'ausgeseßt und haben dieselbe anstrengende 
Thätigkeit wie in Berlin. | | | i 
Unsere Kollegen erklären sämmtlich das Klima für „schauderhaft“, 
das heißt für so ungesund wie möglich und motiviren damit ihre fortwäh- 
renden Halsleiden, Koliken, Rheumatismen und sonstigen Schmerzen. Wir, 
d. h. mein Freund und ich, finden dies Klima zwar auch nicht gerade an-
	        

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