Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Die Nachtluft. 
Ernst und Scherz.*) 
Der im Feuilleton des „Wiesbadener Badeblattes“ vom 1. August 
1379 befindliche Artikel über Nachtluft scheint dem geehrten Herrn Ver- 
fasser schon mehr Scherz als Ernst gewesen zu sein. Jh antworte ihm 
in demselben Styl, aber mir ist es dabei mehr Ernst als Scherz. 
Verfasser des betr. Artikels ist kein Freund der Nachtluft und er 
hat seine Gründe dafür. Hören wir sie ruhig an! „Sie ist an den mei- 
sten Orten nicht so gesund und rein, als die von der Sonne durchwärmte.“ 
I4 weiß nicht, ob das mehr in die Nacht, als in den Tag hineingeschrieben 
ist. Jedenfalls wäre der Beweis dafür erst zu erbringen. Dafür oder 
dagegen zu sprechen, halte ich mich gar nicht für befähigt, da das statistische 
Beweismaterial, welches dazu erforderlich ist, kaum von einem Menschen 
bewältigt werden könnte. Viel leichter dagegen ist es, ven Beweis zu lie- 
fern, das an. sehr vielen Orten und insbesondere in den Centren unserer 
bevölferten Städte die Nachluft =- mag sie sonst noch so schlecht sein = 
doch noch gesunder und reiner ist, als die von der Sonne durchwärmte, 
welche während langer 12 Stunden reichlih Gelegenheit hatte, sich mit 
allen möglichen, dem Unrath der Menschen und Thiere entstammenden 
Krankheitskeimen zu sättigen, aber immer und auf alle Fälle noch gesunder 
und reiner als die Luft des geschlossenen Schlafzimmers, welche alle Athem- 
exkremente in kondensirtem Zustande der armen menschlichen Lunge zu 
verdauen zumuthet. Athemexkremente ? Den Begriff scheint Herr Verfasser 
nicht zu kennen. Er kann sich darüber aber in jedem Lehrbuch der Physio- 
logie oder Hygienie unterrichten. Merkwürdig, daß die Hygienie von allen 
medizinischen Spezialitäten die am meisten vernachlässigste ist. Um so merk- 
würdiger, als sie gerade diejenige ist, welche am leichtesten von allen eine 
wirklich wissenschaftliche Begründung zuläßt. Hätte ich Zeit, ein Lehrbuch 
der Hygienie zu schreiben, so würde ich als Axiom den Satz vorausstellen, 
daß alle organische Substanzen, welche den menschlichen Körper verlassen, 
als Gifte für ihn zu betrachten sind. Aus diesem einen Saß würden sich 
dann durc streng logische Folgerungen in der ungezwungensten Weise die 
meisten Lehrsäße der Hygienie ergeben. E53 scheint mix auch keine ganz un- 
zutreffende Jdee zu sein, die Hygienie durch die Lehre vom S<hmuß oder 
wem das zu schmußig ist, durch die Lehre von der Reinlichkeit zu um- 
schreiben. Verfasser kennt jedenfalls die bekannte Definition vom Schmuß, 
nach welcher jeder Gegenstand als Schmuß zu bezeichnen ist, welcher sich 
an einem Orte befindet, wo er nicht SW FIR Gebackene Eier 3. B. sind 
ein sehr reinlicher, sogar appetitlicher Gegenstand, aber sie gehören in die 
*) Obiger Artikel, der schon im Jahr 1879 im Wiesbadener Badeblatt 
erschien, wird mir von seinem Verfasser, einem der tüchtigsten Aerzte WieSbadens, 
der jezt auch in der Wolle stet nnd sie seinen Patienten empfiehlt, eingesendet. 
I< bringe ihn gerne zum Abdruck, als Beweis, daß auch früher schon denkende 
Aerzte vem Schlafen bei geschlossenem Fenster entgegengetreten sind. Selbstver- 
ständlich ist die in dem Artikel enthaltene Anschauung, als sei die Kohlensäure 
das hauptschädliche Element in der Zimmerluft, heute nicht mehr zutreffend, wird 
auch von dem Screiber des Artikels, seit er meine Sache kennt, nicht mehr 
getheilt. Die Kohlensäure ist nur der dem Chemiker leicht zugängliche Maßstab 
für den Grad der Luftvergiftung durch menschliche Ausdünstung. Das eigentlich 
Schädliche sind die dem Chemiker schwer, der Nase leicht zugänglichen stinken- 
den Ausdünstungsdüfte.
	        

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