Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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nun schon seit vielen Jahren und bin noch immer auf der Welt. I< 
habe bei jeder Witterung und jeder in Mitteleuropa üblichen Temperatur 
beim offenen Fenster geschlafen, ich habe Eiszapfen am Barte getragen, 
wenn ich des Morgens wach wurde, aber mich seit dieser Gepflogenheit 
doppelt wohl befunden. Früher zwang mich eine jeden Winter wieder- 
kehrende Bronhitis 6--8 Wochen und länger das Zimmer zu hüten. Das 
Schlafen beim offenen Fenster hat sie gründlich kurirt. 
Ganz so einfach ist das nun freilich nicht, und wenn ich ehrlich sein 
soll, so gibt es Ausnahmsfälle, in wel<hen auch ich das Fenster schließe. 
Welches diese Ausnahmsfälle sind, das ist schwer zu sagen. Dafür ist eben 
der Verstand da, daß man keine Prinzipien reitet und daß man nicht nach 
der Schablone verfährt, und wer keinen Verstand dazu hat, gegebene Ver- 
hältnisse zu beurtheilen, der soll nicht allein das Schlafen beim offenen 
Fenster, der soll's überhaupt aufsteken. Auch Zufälligkeiten können Einem 
einen Schaberna> spielen und dann muß natürlich das offene Fenster den 
Prügeljungen für den Schaden abgeben. J< habe 3. B. einmal eine 
schwere Lungenentzündung durchgemacht, welche mich nahezu des weiteren 
Sclafens beim offenen Fenster enthoben hätte und mich monatelang arbeits- 
unfähig machte. Da sprach Freund und Feind: das kommt von das! Mag 
sein, besonders wenn man sich den wirklich gut vom Verfasser geschilderten 
Kontrast zwischen der „freundlichsten Bettwärme" und einem über den fast 
naten Arm hereinströmenden Zug von Nachtluft vergegenwärtigt. Dieser 
Kontrast fehlt aber für gewöhnlich ganz und gar. Wer beim offenen Fen- 
ster schläft, ist erstens meisten3 so vernünftig, seinen Arm zu bede>en und 
zweitens hat er Luft in Hülle und Fülle und kein Bedürfniß, sich im Schlafe 
hin- und herzuwerfen und sich in einem hereinströmenden Zug von Nacht- 
luft zu baden. Er sc<<läft ruhig und liegt Morgens noch auf derselben 
Stelle und in derselben Stellung, in welcher er sich des Abends nieder- 
gelegt hat. Aerzte allerdings bedingen eine Ausnahme. Sie haben die 
berechtigte Eigenthümlichkeit, zum Oeftern des Nachts herausgeklingelt zu 
werden. Bei einiger Berufstreue kann e3 nun sehr wohl vorkommen, daß 
man durc die Klingel allarmirt und aus der „freundlichsten Bettwärme" 
gerissen, nicht allein seinen naten Arm, sondern noch etwas mehr in der 
Nachtluft badet, und das ist dann freilich ein ganz unprogrammäßiges 
Moment. Selbst einen gewissen Kausalnexus zwischen dem offenen enter 
und meiner Lungenentzündung zugegeben -- und ich bin davon noch lange 
nicht überzeugt --- liegen die Ursachen meiner- Lungenentzündung viel tiefer, 
sie liegen darin, daß andere Leute beim geschlossenen Fenster schlafen 
und zwar zu vieren, fünfen, sechsen und mehr, und daß folgerichtig ihre 
Kinder des Nachts nicht Luft, sondern Staub und Lungenexkremente ath- 
men und Croupanfälle bekommen, welche es nöthig machen, den Arzt aus 
der „freundlichsten Bettwärme“ herauszureißen. Mein offenes Fenster bildet 
nur ein sehr kleines zufälliges und untergeordnetes Glied in der langen 
Kette von Umständen, welc<he nothwendig ist, um eine Lungenentzündung 
zu produziren, aber das Schlafen beim geschlossenen Fenster ist doch in 
meinem alle offenbar der erste große Ring, an welchem alle andere Glieder 
si anheften und es wäre meinerseits jedenfalls ein ebenso großer logischer 
Scnißer , das Schlafen beim geschlossenen Fenster für meine Lungen- 
entzündung ausschließlich verantwortlich zu machen, als es derjenige der 
Anderen ist, wenn sie das Schlafen beim offenen Fenster beschuldigen. 
Um den Ursachen der Erkrankungen auf die Spur zu kommen, muß man
	        

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