Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1883, Bd. 2, H. 1/15)

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Punkt beneidenswerthe Menschen! Vom Standpunkte unserer pekuniären 
Interessen aus betrachtet, ist es wirklich ein großes Glü>, daß wir in 
hygienischen Fragen keine maßgebenden Persönlichkeiten sind, und daß unter 
10000 uns fkonsultirenden Patienten noch keine 5 sind, welche sich über die 
Beschaffenheit einer von ihnen zu beziehenden Wohnung an unser Gut- 
achten wenden. Habeat Sibi! 
Unter diesen Umständen gönne ich dem Herrn Verfasser von Herzen 
den einzigen süßen Trost, der ihm geblieben: „Daß nämlich die Herren 
Tischler jhon genügend dafür sorgen, daß die Fenster Nachts nicht her- 
metisch schließen.“ Dieß ist unbestreitbar richtig und meinen Erfahrungen 
nach die hervorragend beste Eigenschaft der Tischler. Dieser Eigenschaft 
hat er es zu danken, daß er überhaupt noch bei geschlossenen Fenstern und 
Thüren schlafen kann, und nun braucht er auch nicht mehr zu erschrecken, 
wenn ich ihm sage, daß er hinter seinen geschlossenen Thüren und Fenstern 
auch Nachtluft athmet. Das, was von außen durch die Riten der Fenster 
und Thüren und durch die Poren der Mauern hereinkommt, d. h. die Nacht- 
luft, ist es, welches ihm während der Nacht sein Leben nothdürftig fristet, 
und wenn er keine Nachtluft hätte, so wäre er schon des Morgens um 3 Uhr 
eine Leiche. 
Nun aber Scherz bei Seite. J< halte dafür, daß im Allgemeinen 
das Schlafen beim offenen Fenster nicht allein keine Gefahren mit sich 
bringt, sondern viel eher die Gefahr des Erkrankens überhaupt verringert, 
und insbesondere glaube ich, daß viele Lungenkranke ohne Anwendung dieser 
Maßregel sozusagen incurabel sind. Damit soll nun keine8wegs behauptet 
sein, daß Jedermann ohne Unterschied beim offenen Fenster schlafen müsse 
oder daß Jemand, der für gewöhnlich beim offenen Fenster schläft, dies 
auch unter allen Umständen thun müsse. I< erkenne gern an, daß es 
Fälle giebt, in welchen es gefährlich ist, beim offenen Fenster zu schlafen, 
aber ich leugne, daß diese Fälle so häufig sind, wie es allgemein angenommen 
wird. Wenn irgendwo, so ist es gerade in dieser Frage, in welcher die 
s<wierigste Aufgabe der ärztlihen Kunst: Die Kunst des Jndividuali- 
sirens uns allein vor Mikßgriffen bewahren kann. Art und Natur der 
Erkrankung, Beschaffenheit des Schlafraumes, seine absolute und seine relative 
Größe im Verhältniß zur Zahl der darin Schlafenden, seine Lage im Haus 
oder in dieser oder jener bestimmten Straße, Jahreszeit und Witterung, 
vor allem Natur und Art des Patienten selbst und noh viele andere Ver- 
hältnisse sind es, welche schließlich in einem bestimmten Falle darüber zu 
entscheiden haben, ob es zwe>mäßig ist, die Fenster geschlossen oder offen 
zu halten. Das giebt zuleßt eine Gleichung mit vielen variablen Größen, 
welche für den Arzt um so schwieriger zu lösen ist, je gewissenhafter er ist 
und je mehr ihm das Wohl seiner Scutßbefohlenen am Herzen liegt. 
Außerdem vergesse man nicht, daß das Schlafen beim offenen Fenster 
eine Kunst ist, welche gelernt sein will, daß man sich selbstverständlich im 
Bette wärmer zu kleiden hat als dies für gewöhnlich der Fall ist 2c. 
; Detaillirte Vorschriften dazu zu geben ist an diesem Orte nicht wohl 
möglich, aber bei einigem Luftbedürfniß und bei einiger Ertenntniß der 
Gefahren des Schlafens beim geschlossenen Fenster lernen sich dieselben 
ganz bald von selbst. 
Vebrigens ist die Devise: „Offenes oder geschlossenes Fenster beim 
Schlafen“ schon an und für sich eine Berirrung. Sie müßte von Rechts- 
wegen heißen: „Reine oder schmußige Luft“, und nur der eine Umstand,
	        

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