Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1884, Bd. 3, H. 1/12)

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erschien in Thienemann's Verlag, Stuttgart, unter dem Titel: 
„Die Darwin'sche Theorie und ihre Beziehung zu Moral und Religion“ 
der Inhalt von zwei Vorträgen, die ich in Stuttgart, Tübingen und 
fast allen größeren Städten Württembergs hielt. Die Schrift hat 
damals Aufsehen gemacht und ist viel besprochen worden. Der Stand- 
punkt, den ich darin der Religion gegenüber einnehme, ist einfach eine 
Konsequenz meines darwinistis<en Standpunkts und lautete dahin: 
„die Religion ist eine unentbehrliche Waffe im Kampf ums Dasein, 
sowohl für den Staat wie den Einzelnen“, also so ziemlich dasselbe, 
was der Philosoph Kant so ausdrückt: „die Religion ist ein Postulat 
der praktischen Vernunft.“ 
Seit damals, also nun seit 46 Jahren, habe ich in meinen 
Vorlesungen über Anthropologie am Polytechnikum jedes Jahr die 
Religion von diesem Standpunkt aus vertheidigt; somit ist mein Ein- 
treten für dieselbe durchaus nicht --- wie meine Gegner glauben 
machen wollen -- „ein in der Verzweiflung gemachter Sprung ins 
Lager der Frommen, weil mir's bei den Gegnern derselben zu heiß 
gemacht werde“. 
Der zweite Wendepunkt ist niedergelegt in meinem Buch „Ent- 
vekung der Seele“. Während ich bis dahin mich nicht überzeugen 
konnts, ob die Grundvorstellungen jeder Religion, Existenz eines 
Gottes und eines unsterblichen Geistes, auf Realität beruhe, über- 
zeunie *Y mich von der Realität des letzteren, was in dem . Streit 
über -,e Seeie von den meisten, die glaubten, über meine Sache 
jprew« 1 34 können, übersehen oder ignorirt wurde. Denn namentlich 
die Materialisten, die ja eine große Freude über den Nachweis der 
Matrialität der Seele gehabt hätten, verdroß mein Eintreten 
für v:e Tmmaterialität des Geistes gewaltig. Wer sich für meine 
Anschauung vom Geist interessirt, sei auch verwiesen auf meinen ausführ- 
lihen Artikel „Geist“ in dem Handwörterbuch der Zoologie, Anthro- 
pologie und Ethnologie , BreSlau, Ed. Trewendt's Verlag 1883. 
Was ich in dem Aufsaßz in Nr. 4 de8 Monatsblatts „meine 
Entde>ung von Gott“ nannte, ist auf der einen Seite etwas ganz 
Alltägliches. 
Tausend und abertausend Mal kommt es vor, daß ein Mensch, 
der seine Augen nach allen Richtungen offen behielt, wenn er nach 
Durchlaufung einer längeren LebensstreXe Halt macht und seinen 
Leben3weg überblickt, zur Erkenntniß gelangt, daß über ihm ein 
höherer Wille waltete, der ihm seinen eigenen Willen oft genug durch- 
kreuzte und Ereignisse herbeiführte, die nur ein Dummkopf für Zu- 
fall halten kann. Diesen Theil meiner Entdekung von Gott werde 
ich vielleiht in Bälde meinen Lesern in extenso vorlegen und sie 
können ja dann selbst urtheilen. 
Der zweite Theil ist im Grunde genommen auch nichts Neues. 
Was sind alle meine biSherigen Funde auf dem Gebiet der Gesund- 
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