Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1884, Bd. 3, H. 1/12)

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nicht daran, daß bei Speise- und Getränkewahl alles Wissen stets 
Stückwerk bleibt. J<h erinnere nur an die bekannte Thatsache: eine 
Speise oder ein Getränke kann einem Menschen 20 mal ganz gut 
befommen, wenn er aber nun glaubt, daß das Objekt ihm auch jedes- 
mal gut bekommen müsse, so täuscht er sich, denn eines schönen Tag's 
verdirbt er sich den Magen damit, auch wenn durc<haus keine Ver- 
änderung des Objekt3 vorliegt. Nehmen wir ein spezielles Beispiel : 
den Biertrinker, dem es ja hundertfach vorkommt, daß das gleiche 
Bier, das er oft genug anstandslos getrunken, eines schönen Tags 
eine Verdauungsstörung oder Kopfweh macht. Der Unverständige 
beschuldigt kurzweg den Brauer oder den Wirth, ohne zu bedenken, 
daß, wenn das richtig wäre, alle seine Mittrinker dieselben übeln 
Folgen verspüren müßten, was ja vorkommen kann, aber meistens 
nicht der Fall ist, sondern lediglich darin liegt, daß seine eigene Dis- 
position, die ja allen möglichen Wechseln ausgeseßt ist, eine Aenderung 
erlitten hat, die mit diesem speziellen Bier in Di8harmonie steht. Um 
nun hier stets in allen Fällen mit dem Verstand und der Erfahrung 
vor Mißgriffen sich zu schüßen, wäre ein förmliches Bierstudium noth- 
wendig, das aber immer wieder lü>kenhaft bleiben würde. Und das8- 
selbe Studium hätte der Mensch nöthig gegenüber allen seinen gewöhn- 
lichen Speisen und Getränken. 
Das fällt Alles weg, wenn der Mens<< seinen Instinkt zu Rathe 
zieht; hiebei ist e8 ganz gleichgiltig, ob die Disposition gewechselt 
hat, oder das Objekt -- ob in dem betreffenden Augenblick eine Speise 
oder ein Trunk wohlbekömmlich sind oder nicht, darüber gibt der 
Ger"-hseindruc> stet3 und sofort eine absolut richtige 
Entstaeidung: Ist der GeruchSeindru> ein angenehmer und ruft das 
Gemeingefühl der Eß- und Trinklust, gekennzeichnet durch Wässern des 
Mundes und unwillkürliche Kau- oder Schlingbewegungen hervor, so ist 
das Objekt wohlbekömmlic und kann, ohne daß man es weiter kennt, 
ohne Gefahr genossen werden. Jst dagegen der Geruchzeindru> ein 
unangenehmer, tritt statt Eß- und Trinklust Ekelgefühl, unwillkürliches 
Schließen des Munde3, Nachlaß der Speichelabsonderung, oder Schnür- 
ungsgefühl im Hals ein, so ist das Objekt, mag es an und für sich 
sein, wie es will, ungesund, und wird sein Genuß entweder sofort, 
oder während der Verdauung durch Krankheitsgefühle gerächt. 
Das Entscheidende ist also der Geruchs3eindruF. Aber auch 
der Sc<nupfen-Behaftete, seines Geruchssinns Beraubte, ist noc< im 
Stande eine instinktgemäße Prüfung vorzunehmen, denn wenn auch 
der eingeathmete Duft des Objektes auf seine Riechshleimhaut keinen 
Eindru> mehr hervorzubringen vermag, so erzeugt er doc<h durch sein 
Eindringen in die Säftemasse die obengenannten Gemeingefühle, die 
selbst bei mäßiger Uebung deutlich genug zum Bewußtsein kommen. 
Die Parole ist und bleibt also in erster Linie: zuerst riechen 
und dann essen, beziehungsweise trinken, und Nicht3 zu ge-
	        

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