Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1892, Bd. 11, H. 1/12)

Wor waren die Hauptgegner dieser neuen Heilswahrheit ? = 
Di- Pharisäer und Scriftgelehrten. Die ersteren lasse ich 
aus dem Spiel, obwohl es ein Leichtes wäre, ihre heutigen Nachfolger 
zu kennzeichnen, sondern w-ise nur darauf hin: die Rolle, welche die 
Schriftgelehrten dom * indoor unserer Neligion gegenüber spielten, 
übernahmen im *"ittelalter den *?eformatoren der <ristlichen Religion 
gegenüber d.2, we"'he man die „Scolastiker“ nannte und das waren 
auch die Gegner %:5 Paracelsus. Das Niederschlagende ist nur, daß 
uns das neunzehnte Jahrhundert eine dritte Auflage dieser geist- 
und lebentötenden Scriftgelehrsamkeit oder Scholastik aufhalste, gegen 
deren Tyrannei und Unfruchtbarkeit sih nachgerade alle besseren 
Geister auflehnen. 
Zum Beleg für lektere Aeußerung will ich mich außer dem Hin- 
weis auf die Jedermann bekannten Anfangsstrophen von Goethes 
Faust nur auf eine Aeußerung beziehen, die kürzlich durch die Tages- 
blätter ging und die ih dem „Schwäbischen Merkur“ vom 10. Juli 
v. 3. entnehme: 
Veber die Shulbildung der Neuzeit hat sich, wie die Germ. hervor- 
hebt, Alexander v. Humboldt i. J. 1855 einem Shulmann gegenüber geäußert : 
„Sehr richtig ist, was ic< einmal irgendwo gelesen habe, daß unsere jekige 
Sculbildung dem Profkrustesbette gleiche. Was zu lang ist, wird abgeschnitten 
und das kurz Sceinende so. lang gedehnt, bis die jetzt beliebte Mittelmäßigkeit 
erreicht ist, Die alte Schulmethode hat auch ihre Fehler gehabt, aber sie war 
natürlicher, sie machte selbständige EntwiFelung niht unmöglih. J< war acht- 
zehn Jahre alt und konnte so gut wie gar nichts. Meine Lehrer glaubten auch 
nicht, daß viel aus mir werden würde, aber es hat ja noch gut gethan. Wäre 
ich aber der jehigen Schulbildung in die Hände gefallen, so- wäre ich leiblich 
und geistig zu „Grunde gegangen. Man könnte diese Art der Bildung, wenn 
ein unedles Bild erlaubt ist, mit dem Nudeln der Gänse vergleihen. Es sett 
sich blos Fett an, aber kein gesundes Fleism. Eine mit sich abgeschlossene Selbst- 
zufriedenheit, ein naseweises Aburteilen über alles, das sind die Hauptzüge unserer 
Jugend. Alle geistige Frische, die zu einem erfolgreichen Universitätsstudium 
dur<haus erforderlich ist, geht verloren. Die jugendlichen Geister sind jetzt wie 
Knospen, die man mit heißem Wasser abgebrüht hat; es fehlt ihnen alle Keime 
und Triebkraft, in dem brodelnden Hexenkessel moderner Erziehung ist sie 
verloren gegangen. Viele von meinen Freunden unter den akademischen Lehrern 
haben bei mir schon bittere Klage erhoben. I< habe info"ge davon mehrfach 
Gelegenheit genommen, mit hochgestellien Männern zu sprechen. Alle waren 
mit mir einverstanden, aber zur Abhilfe ist nichts geschehen. Ju Deutschland 
gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, eine Dummheit abzuschaffen , eins, um 
sie einzusehen, das zweite, sie zu beseitigen“. 
Ehe ich den Einfluß der" Schölastik auf die vrganmistischen" Künste 
und Gewerbe schildere, will i< no<h ein Gebiet zur Vergleichung her- 
anziehen , nämli< das „mecanistische“ und insbesondere die beiden 
Dinge, mit denen eben die Medanistik die Haupttriumphe dieses Jahr- 
hunderts gefeiert hat: Dampf und Elektrizität. 
- Dieenntnis" Nie beiben' Naturgewalten "befänv" sichmJäyr- 
zehnte läng in den Händen der Männer der Schule, wurde von
	        

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