Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1892, Bd. 11, H. 1/12)

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Kranke seine Umgebung nicht gefährdet, oder mit anderen 
Worton, daß man an einem Orte, wo die Epidemie herrscht, in der 
Umgebung eines Kranken nicht mehr gefährdet ist, als an einer 
anderen Stelle. Würde diese Ueberzeugung sich Bahn brechen, dann 
würden sich wohl die Desinfektionsmaßregeln erübrigen, die doh nur 
ven Kranken als die einzige Ursache der Erkrankung anderer hin- 
stellen und somit notwendigerweise das Mitgefühl für den Leidenden 
im Interesse der Selbsterhaltung zurückdrängen müssen. Nicht der 
Kranke ist der Herd des Uebels, sondern die leider no< immer 
nicht bekannten Verhältnisse unserer Umgebung, des Klimas und des 
Bodens, die einen Ort und einen Erdkeil zur Choleralokalität gestalten 
und den menschlihen Organismus sc<hließlih unfähig machen, unter 
ven ungünstigen Bedingungen seine Funktion normal zu erhalten. Das, 
was ich bei Gelegenheit der ersten Epidemie von Influenza („Berl. klin. 
Wochenschr. 4890 Nr. 5) über die Nichtkontagiosität dieser da- 
mals allgemein für kontagiös gehaltenen Krankheit äußerte, halte ich 
heut auch der Cholera gegenüber aufrecht. 
„Aber bis sich diese Anschauung Bahn gebrochen haben wird, 
wird die Tazillenfur<t noc< manches Herz ängstlich schlagen lassen, das 
ven feindlihen Kugeln gegenüber seine Ruhe behielt, bis dahin wird 
vem Götzen der Bazilleninfektion in abergläubiger Verehrung no<h manches 
wenig wohlriehende Opfer von Karbolsäure und Chlorkalk dargebracht 
werd, und die Räucherung wird dort stattfinden, wo wir unserem 
Aber,tauben gemäß den Siß des Göken vermut. 
„JO hoffe, daß Sie, sehr geehrter Herr Kollege, obwohl Sie, 
wie ich weiß, meine Ansicht nicht teilen, doc< in gewohnter objektiver 
Duldung fremder Anschauungen meinen Ausführungen Raum gewähren 
werden; sie mögen ja subjektiv sein, sind aber der Erfahrung entsprossen, 
und schließlich trage ja ich allein die Verantwortung für meine Be- 
hauptungen. Die Losung sei: „Keine Furcht und deshalb keine Des- 
infektion, aber Schaffung guter Lebensbedingungen und Ernährungs- 
verhältnisse.“ 
Breslau, den 30. August 14892. 
Mit freundlichem Gruß Ihr ergebener Rosenbach.“ 
Meiner Ansicht nach schießt Herr Nosenba- insofern über das 
St kinaus, als er die Gefährlichkeit des Cholerakranken selbst leugnet. 
Dawa  *2 ohne Bazillus keine Cholera! und die eigentliche Ueber- 
tr - 2. /olera findet stets durc<h den Cholerabazillus, welcher natur- 
„-« „4 ven Ausleerungen der Cholerakranken , seiner Wäsche u. drgl. 
hu 5. undz. B. in Berlin scheint sich die Vorsorge der Behörden, 
wer, 21u9 doch ausschließlih auf die Unschädlihmachung der Bazillen 
richret, bis jezt vorzüglich bewährt zu haben. Aber allerdings, wenn nicht 
die Witterung und lokale Faktoren den Berliner Behörden zu Hilfe ge- 
fommen wären, so hätte keine polizeiliche Verordnung die Reichshaupt- 
stadt vor dem Schisal Hamburgs beschüßt.
	        

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