Günter Nitschke
DAS PHÄNOMEN DER ZYKLISCHEN ERNEUERUNG
IM JAPANISCHEN BAUEN
1. DIE FAKTEN:
Erneuverungstypen sakraler Artefakte
Die Geschichte menschlichen Bauens kennt zwei
Traditionen, das Heilige durch Gebautes auszudrücken:
~ die Tradition der Pyramiden und Kathedralen, d.h.
das daverhofteste Material, das die Erde dem Menschen
jeweils bot, in ideale, kolossale Formen zu zwingen,
die ihm dann als image des Ewigen, des Uberzeitlichen,
des Gleichbleibenden, im Gegensatz zu seiner eigenen
Zeitlichkeit und Vergtinglichkeit dienten. In diesem
Fall wurde fur ihn Zeit durch die scheinbare Uberzeit-
lichkeit des verwandten Materiales, des Granits oder
des Eisens und andererseits durch die ideelle Qualitat
der gebauten Form, wohl meistens der euklidischen
Geometrie, überwunden;
- die Tradition des Grasbündels, des Blüten- und
Lorbeerkranzes, d.h. der Zeit gar keine Chance zu
geben, ihre Spuren am gemachten Image des Heiligen
zu hinterlassen. Es selbst kurz nach Vollendung und
rituellem Gebrauch zu vernichten. In diesem Fall kann
er es sich erlauben, es aus Gras, Schilf, Blumen oder
Zweigen, den vergänglichsten Materialien zu bauen,
die ihm je nach Ort und Zeit zur Verfügung standen.
Eine heilige und oft geheime Tradition wachte darüber,
daß keine eigenwilligen Veränderungen der Form und
der Manipulation dieser sakralen Artefakte vorkamen,
Durch den Trick der rituellen Erneverung zu fixierten
Zyklen zeigte sich das Heilige dem Auge des Menschen.
Somit hat auch das Kopieren, nicht nur das Kreieren,
eine geheiligte Fundierung, Berechtigung und lange
Tradition im Bauen des Menschen. Man kann wohl
vehaupten, daß Japan bis zur Neuzeit hin wenige
Beispiele liefert, Monumente für die Ewigkeit gebaut
haben zu wollen, die Zeit durch Bauen mit dauerhaften
Materialien überlistet haben zu wollen. Hingegen schein
das Phänomen der zyklischen Erneuerung, meist wohl
sakraler Artefakte einmal fast alle Ebenen menschlichen
Bauens durchdrungen zu haben. Ganze Hauptstädte sind
bis zum Ende des 8. Jahrh.n. Chr. mit dem Antritt
eines neuen Herrschers verlassen und an anderer Stelle
neu errichtet worden.
Zu geschichtlicher Zeit sind jedoch nur zwei grund-
sätzlich verschiedene Pattern der Erneuerung sakraler
Artefakte und Bauten und ein Misch-Pattern zu erkennen
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PROFANE ZEIT
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-TÖRUNG ji ÜBERFÜHRUNG VON GOTTERMN —
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Man glaubt, die Götter wohnen in gebauten Artefakten
die ursprünglich aus sehr vergänglichem Material her-
gestellt worden waren und daher zu bestimmten Inter-
vallen erneuert werden mußten. Man baut, d.h. man
<opiert ein neues sakrales Artefakt neben dem alten,
überführt die Gottheit magisch vom alten ins neue und
«ann dann das alte vernichten.
Die YASHIKI-GAMI, die Grundstücksgötter, die auch
neute noch teilweise aus Stroh und Schilf gebaut wer-
den (>1), haben diesem Pattern den Namen ver-
lichen. Das aufwendigste Beispiel hiervon durfte die
Erneuerung des ISE Schrein Komplexes alle 20 Jahre
sein. (03)
PATTERN Bs: YOR! - SHIRO —_
"Besuches - PLA"
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PROFANE ZEIT
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Man meint, die Götter wohnen im Himmel, auf den
Bergen oder jenseits des Meeres und man könne sie zum
Fest in ein speziell gebautes Artefakt hereinrufen;
in diesem werden sie gefeiert und am Ende des Festes
mit der Zerstörung desselben wieder magisch weg-
gesandt. Das YORI-SHIRO, der Besucher-Platz, in
dem eine Gottheit sich bei einem Shinto-Fest temporär
den Gläubigen visuell manifestiert und der maßstäblich
von einem Zweig bis zu einem 20 m hohen Bau reichen
<ann (>2), hat diesem Pattern seinen Namen ge-
geben. Das extremste Beispiel hiervon dürfte das DAI-
JO-SAI, das Große Ritual des Erst-Früchte-Kostens,
sein, mit dem die Erneuerung des Kaisers, ja, der Zeit
schlechthin, gefeiert wird (>4).
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