Volltext: Anpassungsfähig bauen = Adaptable architecture (IL14, 1974)

Günter Nitschke 
DAS PHÄNOMEN DER ZYKLISCHEN ERNEUERUNG 
IM JAPANISCHEN BAUEN 
1. DIE FAKTEN: 
Erneuverungstypen sakraler Artefakte 
Die Geschichte menschlichen Bauens kennt zwei 
Traditionen, das Heilige durch Gebautes auszudrücken: 
~ die Tradition der Pyramiden und Kathedralen, d.h. 
das daverhofteste Material, das die Erde dem Menschen 
jeweils bot, in ideale, kolossale Formen zu zwingen, 
die ihm dann als image des Ewigen, des Uberzeitlichen, 
des Gleichbleibenden, im Gegensatz zu seiner eigenen 
Zeitlichkeit und Vergtinglichkeit dienten. In diesem 
Fall wurde fur ihn Zeit durch die scheinbare Uberzeit- 
lichkeit des verwandten Materiales, des Granits oder 
des Eisens und andererseits durch die ideelle Qualitat 
der gebauten Form, wohl meistens der euklidischen 
Geometrie, überwunden; 
- die Tradition des Grasbündels, des Blüten- und 
Lorbeerkranzes, d.h. der Zeit gar keine Chance zu 
geben, ihre Spuren am gemachten Image des Heiligen 
zu hinterlassen. Es selbst kurz nach Vollendung und 
rituellem Gebrauch zu vernichten. In diesem Fall kann 
er es sich erlauben, es aus Gras, Schilf, Blumen oder 
Zweigen, den vergänglichsten Materialien zu bauen, 
die ihm je nach Ort und Zeit zur Verfügung standen. 
Eine heilige und oft geheime Tradition wachte darüber, 
daß keine eigenwilligen Veränderungen der Form und 
der Manipulation dieser sakralen Artefakte vorkamen, 
Durch den Trick der rituellen Erneverung zu fixierten 
Zyklen zeigte sich das Heilige dem Auge des Menschen. 
Somit hat auch das Kopieren, nicht nur das Kreieren, 
eine geheiligte Fundierung, Berechtigung und lange 
Tradition im Bauen des Menschen. Man kann wohl 
vehaupten, daß Japan bis zur Neuzeit hin wenige 
Beispiele liefert, Monumente für die Ewigkeit gebaut 
haben zu wollen, die Zeit durch Bauen mit dauerhaften 
Materialien überlistet haben zu wollen. Hingegen schein 
das Phänomen der zyklischen Erneuerung, meist wohl 
sakraler Artefakte einmal fast alle Ebenen menschlichen 
Bauens durchdrungen zu haben. Ganze Hauptstädte sind 
bis zum Ende des 8. Jahrh.n. Chr. mit dem Antritt 
eines neuen Herrschers verlassen und an anderer Stelle 
neu errichtet worden. 
Zu geschichtlicher Zeit sind jedoch nur zwei grund- 
sätzlich verschiedene Pattern der Erneuerung sakraler 
Artefakte und Bauten und ein Misch-Pattern zu erkennen 
PAMTERN As YASHIKI- GAMI- 
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"EST-7E! 
PROFANE ZEIT 
2EST-ZEI* 
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-TÖRUNG ji ÜBERFÜHRUNG VON GOTTERMN — 
“I TACHT 
Man glaubt, die Götter wohnen in gebauten Artefakten 
die ursprünglich aus sehr vergänglichem Material her- 
gestellt worden waren und daher zu bestimmten Inter- 
vallen erneuert werden mußten. Man baut, d.h. man 
<opiert ein neues sakrales Artefakt neben dem alten, 
überführt die Gottheit magisch vom alten ins neue und 
«ann dann das alte vernichten. 
Die YASHIKI-GAMI, die Grundstücksgötter, die auch 
neute noch teilweise aus Stroh und Schilf gebaut wer- 
den (>1), haben diesem Pattern den Namen ver- 
lichen. Das aufwendigste Beispiel hiervon durfte die 
Erneuerung des ISE Schrein Komplexes alle 20 Jahre 
sein. (03) 
PATTERN Bs: YOR! - SHIRO —_ 
"Besuches - PLA" 
L 
PROFANE ZEIT 
est 2uit 
Man meint, die Götter wohnen im Himmel, auf den 
Bergen oder jenseits des Meeres und man könne sie zum 
Fest in ein speziell gebautes Artefakt hereinrufen; 
in diesem werden sie gefeiert und am Ende des Festes 
mit der Zerstörung desselben wieder magisch weg- 
gesandt. Das YORI-SHIRO, der Besucher-Platz, in 
dem eine Gottheit sich bei einem Shinto-Fest temporär 
den Gläubigen visuell manifestiert und der maßstäblich 
von einem Zweig bis zu einem 20 m hohen Bau reichen 
<ann (>2), hat diesem Pattern seinen Namen ge- 
geben. Das extremste Beispiel hiervon dürfte das DAI- 
JO-SAI, das Große Ritual des Erst-Früchte-Kostens, 
sein, mit dem die Erneuerung des Kaisers, ja, der Zeit 
schlechthin, gefeiert wird (>4). 
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