Full text: Beschreibung des Oberamts Tettnang (14)

Schott, Stand der Bevölkerung. 499 
Männer und Mädchen, angelockt durch den vermeintlichen oder wirklichen 
Höheren Verdienjt und daZ angenehmere Leben im nahen Ausland, nach 
der Schweiz oder nad) Öfterreidh, teilmeife aud nad) Bayern und Baden 
abwandern. Der Abgang wird aber durch die Zuwanderung fremder 
Arbeitskräfte, zumal {older au3Z Tirol, Italien, der Schweiz, fomwie aus 
den verfhiedeniten Gegenden des RKeichZ mehr als ausgegliden. Sleich- 
wohl Geiteht nirgendS im Bezirk ein Überfhuß an Menidhen, im Gegen» 
teil, diejelbe Scholle, die im Vahre 1846 fait 10000 Menichen meniger 
trug al8 Heute, Hätte nod) für weit mehr Hände Arbeit und Brot. Fat 
überall, befonder8 von den Bauern, ertönt das Lied von der Landflucht 
und Leutenot, und das ftädtijche. AUrbeitzamt FriedriH3Hafen mar in den 
Yahren 1910—1912 Häufig nicht imftande, den Bedarf an landwirtfchaft- 
lien Arbeitern, an Gefinde, Dienjiboten, Auszrüfterinnen und Küche- 
perjonal etc. ausreidend zu decken. Dabei wird von den Ortavorjtehern 
aller Gemeinden des Bezirk übereinjtimmend anerkannt, daß der Wohl- 
fand durchweg geftiegen fei, und e3 ift kein Zweifel, daß die 29 404 
MenfjdHen, die am 1. Dez. 1910 im Bezirk gezählt morden find, nicht bloß 
beijer leben und gefünder mohnen al3 ihre Väter und Großbäter, jondern 
daß fie audd mit Meidung und Komfort aller Art vielfeitiger auS- 
ageltattet find. 
Von dem Prozeß einer gründlihHen Untbildung in dem Beruf» 
aufbau, den die Bevölkerung des Deutjhen KeihZ und diejenige 
WürttembergS in den vergangenen Jahrzehnten erfahren Hat, ift der Be- 
:irf Tettnang FeineswegS unberührt geblieben, menn [Horn das Tempo 
des ren ein etma8 Iangjamere8 al? dort gewefen it. 
Die Kraftvolle Entfaltung der Yndufirie und des Verkehr3 in Friedrich8= 
Hafen, Tettnang, Langenargen und Medenbeuren Hat die Bedeutung der 
zur Land- und Forftwirtjhaft zählenden Bevölkerungs{hihten (Beruf8- 
abteilung A) beträchtlidgh zuriüdgedrängt. Bon Induftrie, Handel und 
Verkehr (Berufsabteilungen B und C) leben Heute etwa 4000 Menihen 
mehr al3 im Jahre 1882, und die Landwirtihaft ift nicht mehr überall 
die vorherrihende Ermerbäquelle des Bezirkz, Nach der Berufs und 
Betrieb3zählung vom 12. Yuni 1907 betrug bei der damaligen Volk8zahl 
von 28188 Menjdhen die zur AWbteilung A gehörende Bevölkerung 13 945 
Köpfe oder 49,5 % der Gefamtzahl, die zu den Berufsabteilungen B 
und C gehörende Einwohnerfchaft 10690 Köpfe oder 37,9 % der Ge- 
Tanıtzahl. Dagegen bildete noch im Yahre 1882 die landwirtjdhaftliche 
Bevölkerung 60%, die im induftriellenm und in Verkehrdienjt {tehende 
nur 30,8 %. Iere ift alfo in ihrer Mangitellung gegenüber den übrigen 
Berufsabteilungen in dem ermähnten 25jährigen Zeitraum um 10,5 9% 
zurüdgegangen, diefe um 7,1 °/, hHinaufgerückt, 
Bezeihnend für die Art der Entmiclung ift weiterhin, daß ih die 
CErmerbatätigkeit gqunz allgemein gefteigert und verbreitert Hat. Um 
energifdhiten find die niGtlandmirkjHaftlihen Erwerbafhichten borgedrungen. 
Se imtigen und unfjelbjtändigen Erwerbstätigen murden ge 
3Ü0LE *): 
1) Bal. Württembergifhe Semeindejtatijtik von 1907 S. 362 ff. 
(Stuttgart 1910).
	        

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