Full text: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg (Bd. 124, 1969)

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E. KUHN-SCHNYDER 
nannt wurde. In seiner Geburtsstadt besuchte der junge CUvIER als aus- 
gezeichneter Schüler die Elementarschule und das Gymnasium. Schon 
früh erwachte seine Neigung für die Naturwissenschaften, die vor allem 
durch die Lektüre von BurFrons Naturgeschichte und GEsSNERs Tierbücher 
genährt wurde. Aus finanziellen Gründen kam für ihn nur das Theologie- 
studium in Frage, da begabte Schüler am Stift in Tübingen einen Frei- 
platz erhalten konnten. Doch der Rektor des Gymnasiums, der sich durch 
einige Epigramme CuvıErs verletzt fühlte, stufte ihn beim Schulschluß 
nicht als Ersten, sondern nur als Dritten ein, so daß für ihn das Studium 
in Tübingen unmöglich war. Obschon ihn diese Zurücksetzung damals 
bitter kränkte, pries er später dieses Schicksal als Quelle seines Glücks, weil 
es seiner Laufbahn eine völlig andere Richtung gab. 
Von seinem Mißgeschick erfuhr auch die Prinzessin von Württemberg, 
die Großnichte Friedrich des Großen, die im Schloß Montbeliard residierte. 
Sie stellte den jungen CuvıeER ihrem Schwager, dem regierenden Herzog 
Karl Eugen von Württemberg vor, der von seinen Antworten und Zeich- 
nungen so beeindruckt war, daß er ihm den Besuch der Hohen Karlsschule 
in Stuttgart ermöglichte. So verließ der 14jährige CuviER am 1. Mai 1784 sein 
Elternhaus, der deutschen Sprache nicht mächtig, um in die Karlsschule 
einzutreten*. Ein erstes Schuljahr war der Philosophie gewidmet. Dann ent- 
schied er sich für das Studium der Kameralwissenschaften, das drei Jahre 
dauern sollte. CuvıeR gehörte bald zu den besten Schülern. Neun Monate 
nach seinem Eintritt errang er bereits einen Preis in deutscher Sprache und 
erhielt 1787 den Rang eines „chevaliers“, eine Ehre, die nur fünf oder sechs 
von vierhundert Schülern zukam. Daneben machte er sich jede Gelegenheit 
zunutze, um seinen naturwissenschaftlichen Neigungen zu frönen. Er sam- 
melte Pflanzen und Insekten und vertiefte sich in die Werke von G. L. LE- 
CLERC DE Burron, C. v. LINNE und des Entomologen J. CH. FABRICIUS*, 
Mit C. H. KıELMEYER®, dem späteren Professor an der Karlsschule, stand er 
in freundschaftlichem Verkehr. 
Am 21. August 1788 beendete CuvıEerR seine Studien in Stuttgart und 
mußte sich sofort nach einer Stelle umsehen. Sein Vater erhielt wegen des 
erbärmlichen Standes der französischen Finanzen seine Pension nicht mehr 
und bat deshalb den Herzog von Württemberg um Erlaubnis, seinen 
Sohn zu entlassen, damit er eine Stelle als Hauslehrer in der Normandie 
antreten könne. Die Genehmigung wurde sofort erteilt, nicht ohne daß der 
Herzog das Versprechen hinzufügte, den jungen CuvIıER später in seiner 
staatlichen Verwaltung anzustellen. Nach wenigen Wochen, die CuvIER in 
seiner Heimat verbrachte, reiste er zur Familie des protestantischen Her- 
zogs d’Hericy, die das Schloß von Fiquainville bei der kleinen Stadt Val- 
mont in der Nähe von Caen bewohnte. So verbrachte er die Schreckens- 
jahre der Französischen Revolution in der Nähe des Meeres. Hier ergriff 
ihn die alte Leidenschaft für die Naturwissenschaften mit neuer Kraft. 
Mit den bescheidensten Hilfsmitteln und ohne französische Gesinnungs- 
freunde begann er mit dem Studium der Pflanzen, Insekten und Meeres- 
tiere, ARISTOTELES sich zum Vorbild nehmend %. Diese Studien bildeten
	        

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