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KARL MÜLLER
währt seine Blütezeit, Obwohl die Einzelblüten sehr hinfällig sind, ist
gs nicht verwunderlich, daß er als Zierstaude in Blumenbeeten, vor
allem in Steingärten, gehalten wird. Aber ich habe nie beobachtet, daß
er von Blumenliebhabern ausgegraben wurde. Seine Schönheit jedoch
verlockt Erwachsene und Kinder zum Abpflücken, und die Blumensträuße
haben schon gut versteckte Fundorte verraten. Gottlob ist eine
spürbare Schädigung infolge des Abpflückens bisher nicht eingetreten.
Schlimmer ist Beweidung. Im unteren Kiesental wurde vor rund
20 Jahren ein Hangfleck mit etwa 20 Pflanzen von Schafen beweidet,
Das hatte einen raschen Rückgang des Bestandes zur Folge, Obwohl die
Beweidung nach wenigen Jahren eingestellt wurde, hat sich der Bestand
bis heute nicht wesentlich erholt.
Vernichtender noch als Beweidung wirkt landwirtschaftliche Nutzung.
Bei Pappelau säte ein Landwirt seinen Acker unter dem Feldrain
mit Linum fMlavum mit Luzerne ein, düngte und mähte den Rain wie
das Luzernefeld und vernichtete so in wenigen Jahren den Wuchsort,
Durch dieselbe Maßnahme, verbunden mit einer geringen Verbreiterung
des Kulturlandes, ging der schöne Bestand bei Schelklingen auf ein
Drittel des früheren zurück. Ja, es erscheint sogar möglich, daß ein
Bestand ohne beabsichtigte Nutzung vernichtet wird. Starke Düngung
der an einen Rain grenzenden Äcker beeinflußt auch den Pflanzenwuchs
des Raines; der düngerfliehende Lein ist dem Wettbewerb der düngerliebenden
Feldrainpflanzen nicht mehr gewachsen und verschwindet
langsam. Dies ist aus dem Schicksal des Wuchsortes bei Hörvelsingen
zu ersehen. Infolge landwirtschaftlicher Nutzung ist der Gelbe Lein vermutlich
an den Fundorten „hinter der Wanne” bei Söflingen und zwischen
Heidenheim und Schnaitheim ausgestorben.
Ebenso schlimm ist die Aufforstung. Bei Beiningen wuchs einem
Waldrand entlang der Gelbe Lein 1938 ziemlich zahlreich. Der Wald,
eine Neuaufforstung, war noch jung und nur wenige Meter hoch. 1954
aber beschatteten die inzwischen herangewachsenen Bäume den Wuchsort
so stark, daß der Bestand bis auf einen kümmerlichen Rest in einer
schmalen Waldrandlücke vernichtet war, Dem sterbenden Markbronner
Wuchsort droht völlige Vernichtung, sobald sich dort eine Waldlichtung
schließt, Schon oben ist die Vermutung ausgesprochen, daß der Blaubeurer
Fundort wahrscheinlich ein Opfer der Aufforstung geworden ist.
Vielleicht sind auch die Wuchsorte bei Arnegg und auf dem Eselsberg
bei Ulm infolge Aufforstung eingegangen,
So haben Beweidung, landwirtschaftliche Nutzung und Aufforstung
den Bestand des Gelben Leins auf der Südostalb sehr vermindert. Sie
stellen auch in Zukunft dessen schwerste Gefährdung dar. Die Entdeckung
von 8 vorher nicht bekannten Wuchsorten in den letzten zwei
Jahrzehnten vermag den Eindruck des Zurückgehens etwas zu mildern;
aber sie ändert nichts an der Tatsache, daß das Kleinod der Ulmer Flora
bereits mindestens die Hälfte seines früheren Bestandes verloren hat und
zu den schutzbedürftigsten Pflanzen der Schwäbischen Alb gehört.