Volltext: ARCH+ : Studienhefte für Planungspraxis und Planungstheorie (ab H. 28: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen) (1975, Jg. 7, H. 25-28)

Du 
2A 
Klaus Brake, Helga Fassbinder, Renate Petzinger 
BASISDEMOKRATIE VERSUS GEWERK- 
SCHAFTLICHE ORIENTIERUNG? 
Kritische Anmerkungen zu dem Editorial in Heft 27* 
*Mit diesem Beitrag setzen wir die Diskussion um die 
Publikationsstrategie von ARCH+, welche mit dem 
Editorial der Mehrheit der Redaktionsmitglieder im 
letzten Heft begonnen wurde. fort. 
Die Fragestellung der Autoren des Editorials in Heft 
27 klingt radikal: War die Umkonzeptionierung von 
ARCHH, wie sie schrittweise aufgrund der Diskussionen 
in der Redaktion vollzogen wurde, nur der Rückzug von 
einer von vornherein falsch bestimmten Frontlinie? Geht 
es mithin nicht nur um eine Modifikation, sondern um 
eine Neubestimmung der Zeitschrift? /vgl. S. 2/ 
Denn — anders als bisher geschehen — könne die Re- 
daktion einer politischen Fachzeitschrift nicht zur Ta- 
gesordnung übergehen angesichts einer Entwicklung, die 
von den Editorial-Autoren in doppelter Hinsicht als Ten- 
denzwende apostrophiert wird: 
— politisch sei sie gekennzeichnet durch das Scheitern 
der Reformpolitik der SPD-Regierung, den Umschlag 
von demokratischen Reformen in Demokratiereform. 
ökonomisch sei sie das Ende einer durch Prosperität 
und durchgreifenden Strukturwandel gekennzeichne- 
ten Phase der Kapitalakkumulation, die mutmaßlich 
durch eine Periode der Stagnation abgelöst werde. 
/vgl. S. 6/ 
Zunächst halten wir diese Einschätzung der gegenwär- 
tigen Krise in doppelter Weise für unpräzise: Weder ist 
die bisherige ökonomische Entwicklung in der BRD mit 
einem Schema von zwei Phasen der Kapitalakkumulation 
zu erfassen, noch wird der Vermittlungszusammenhang 
zwischen der ökonomischen und der politischen Ent- 
wicklung herausgearbeitet. Anstatt die ökonomische Ent- 
wicklung der BRD mit dem — der Theorie des staatsmo- 
nopolistischen Kapitalismus entlehnten — Muster der 
Zweiphasentheorie zu kennzeichnen, wäre gerade hervor- 
zuheben, daß der Prozeß der Kapitalakkumulation in der 
BRD schon immer in Krisenzyklen verlief, die zwischen 
vier und viereinhalb Jahren dauerten. Die gegenwärtige 
Krise ist zwar in der Tat die bislang schärfste in der Ge- 
schichte der Bundesrepublik, als Tendenzwende und da- 
mit als neuartige Entwicklung kann sie jedoch nur dann 
erscheinen, wenn implizit von der Vorstellung einer kri- 
senfreien Entwicklung ausgegangen wird. 
Wäre nun die ökonomische Entwicklung präziser ein- 
geschätzt worden, so wäre es auch eher möglich, den 
Vermittlungszusammenhang zwischen der konstatierten 
Brake/Fassbinder/Petzinger 
ökonomischen und politischen Tendenzwende zu ver- 
deutlichen, der so jedoch von den Editorial-Autoren 
nur oberflächlich dargestellt wird. Die ökonomische 
Krise, so heißt es, gewinne die Funktion, die partiel- 
len ideologischen Krisen zu lösen. /vgl. S. 6/ Ehe sol- 
che Rückwirkungen betrachtet werden, welche auf 
der Ebene der Ideologiekritik verbleiben, sind umge- 
kehrt die ökonomischen Bedingungen sowohl für 
den Beginn der sozialdemokratischen Reformpolitik 
und den damit verbundenen Ausbau des Staatsappara- 
tes.als auch für ihr Scheitern zu untersuchen — kurz- 
um die Entwicklung des Staatshaushalts in seiner Ab- 
hängigkeit von dem Ebbe- und Flutperioden des indu- 
striellen Zyklus. Zwar wurde der Aufschwung aus der 
Krise 1966/67 vielfach der Effektivität sozialdemokra- 
tischer Reformpolitik zugeschrieben, tatsächlich aber 
konnten die Reformen der SPD-Regierung auch nur 
aufgrund des ökonomischen Aufschwungs zu Beginn 
des fünften industriellen Zyklus in Angriff genommen 
werden. Erfuhr die ökonomische Basis für die Reform- 
politik bereits in der Krise 1971 erste Einschränkungen, 
so verschwindet in der jetzigen Krise der ökonomische 
Spielraum für Reformen noch viel stärker: die ver- 
meintlichen Errungenschaften sozialdemokratischer Re- 
formpolitik werden damit zunichte gemacht. Dabei 
werden die letztlich ökonomischen Ursachen der Un- 
wirksamkeit einer Politik der sozialen Gerechtigkeit 
aber nicht erkannt; sondern verstärkt werden für das 
Scheitern dieser Politik diejenigen Teile der Arbeiterbe- 
wegung verantwortlich gemacht, die mehr oder minder 
bewußt daran festhalten, daß eine Verbesserung ihrer 
sozialen Lage nur durch grundlegende gesellschaftliche 
Veränderungen erreicht werden kann. Was vom Reform- 
programm und dem damit verbundenen Ausbau des 
Staatsapparates übrigbleibt, ist eben sein Einsatz, um 
gerade diejenigen zu denunzieren und mittels Berufs- 
verboten etc. zu bekämpfen, welche die wirklichen Ur- 
sachen sozialer Mißstände beseitigen wollen. Damit 
kann auch politisch nicht von einer „Tendenzwende“‘ 
gesprochen werden; allerdings ist als Folge der inzwi- 
schen erreichten Schärfe der Krise von einer empfind- 
lich spürbaren Stufe innerhalb einer Entwicklung sich 
zuspitzender politischer Repression auszugehen. 
Trotz der oberflächlichen Analyse und der schiefen 
Darstellung des Vermittlungszusammenhangs zwischen 
ökonomischer und politischer Entwicklung sehen wir 
den Konsens zwischen uns und den Autoren des Edito- 
rials darin, daß es der gesamten Redaktion darum ge- 
hen muß, mit ARCH+ gerade jetzt den Kampf gegen 
die materielle Bedrohung und wachsende politische Re- 
pression verstärkt zu unterstützten, indem die Bewe- 
gung zur sozialen Emanzipation gestärkt und die Be- 
wußtseinsentwicklung unter dieser Perspektive geför- 
dert wird. 
Um dieses Ziel besser als bisher zu erreichen — so 
stellen die Editorial-Autoren nun fest — sei es mit einer 
Modifikation der bisherigen Publikationsstrategie allein 
nicht getan: notwendig sei vielmehr die generel-
	        
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