Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Der Altenplatz

Viele alte Leute sind aufgrund von Arthrosen
 gehbehindert. Da ihre körperliche
Vitalität gering ist, kann ihre Anteilnahme
an der Umwelt häufig nur im gelassenen,
aber interessierten Zuschauen bestehen.
* Vom Fenster eines hohen Hauses aus
können sie wenig wahrnehmen, weil Menschen
 und Gegenstände tief unten winzig
erscheinen. Wenn die Straße befahren ist,
„spielt sich fast nichts mehr auf ihr ab“
außer Autoverkehr. Wenn die Alten aber
ihren Altenplatz im Garten oder an einem
autoverkehrsfreien Wohnweg haben, dann
können sie viel beobachten und sich mit
Nachbarn unterhalten.
» Sie haben eine reiche Außenwelt und
vereinsamen nicht. Untersuchungen zeigen,
 daß sie weniger oder überhaupt nicht
verbittern, sondern Verständnis für ihre
Umwelt und vor allem für Kinder behalten -
weil sie nicht ausgestoßen werden durch
eine altenfeindliche Organisation des Wohnens.


Anreicherungselemente

Wenn ein Viertel aufgrund einer Fülle
architektonischer Elemente ein speziflsches
 „Milieu“ besitzt, dann kommen meist
zusätzliche Anreicherungselemente hinzu:
bestimmte Typen oder Originale. Ein
Beispiel: drei „Klüngelskeris“ (Schrotthändler)
 kommen mehrmals in der Woche
durch eine Siedlung.
» Sie machen mit ihren Flöten eine Musik,
die die Leute ebensowenig missen möchten
 wie das Glockenspiel in der Fußgängerstraße
 im Zentrum.
» Die Kinder haben ihren Spaß an Pferd und
Wagen.
®» Die „Klüngelskeris“ gehören zur Atmosphäre
 des Viertels.
» Voraussetzung dafür, daß sie kommen, ist
die Tatsache, daß in der Siedlung Raum
zum Aufbewahren und zum Basteln mit
Materialien ist. Wo dieser Raum fehlt, gibt
es auch keine Schrotthändler mehr.
e* Der Wagen fährt so langsam, daß die
Kinder sich anhängen können.

Kommunikationsvehikel

e In Freiräumen, wo viel los ist, gibt es viele
Gesprächsbrücken: es sind Gegenstände,
Tiere oder kleine Ereignisse. Sie charakterisieren
 sich dadurch, daß man sich über
sie unmittelbar, ohne Anforderungen, ohne
Förmlichkeiten, gelockert und angstfrei
unterhalten kann.
° Erst auf der Ebene solcher harmloser, d.h.
angstfreier Wechselbeziehungen können
sich kompliziertere, konfliktreichere und
dadurch komplexe Ebenen der Wechselbeziehungen
 aufbauen. Wo dies nicht möglich
 ist, weil die Wohnumwelt keine oder
nur wenig Kontaktbrücken bietet, entstehen
 komplexe Wechselbeziehungen nur
selten.
Eine sozial gelungene Architektur gibt
Raum für eine Vielzahl von Objekten.
Diese wiederum sind der Anlaß für eine
Fülle zwischenmenschlicher S ituationen,
 In denen sich Kommunikation
vollzieht.

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