Volltext: Die Farbige Stadt (Jhg. 4, 1929-30)

haften Ausführungen Glauben schenken, weil ihr
Verfasser mit Emphase die Rolle des erfahrenen
Praktikers spielt. Diese Gefahr ist besonders groß,
weil der Verfasser die Kritik seltsamcrweise zuerst
in einer Zeitschrift (Bauamt und Gemeindebau)
erscheinen ließ, deren Leser keine Fachleute auf
dem fraglichen Gebiete sind. Darum sei im folgenden
 kurz auf die wichtigsten „Richtigstellungen“
 eingegangen.

1. Wäßrige Bindemittel (Emulsionen), Kalk und
Öl. Diese Einteilung wird schon bemängelt, weil
sie das vom Kritiker anscheinend besonders hochgeschätzte
 Kasein nicht eigens aufführt. Es
handelt sich jedoch nicht um das Merkblatt über
„Bindemittel“, welches erst später erscheinen soll,
sondern um dasjenige über „Fassadenfarben“.
Daher ist eine lückenlose Aufzählung der Bindemittel
 nicht erfolgt. Die wichtigste Verwendung
des Kaseins ist die in Emulsionen. Diese sind erwähnt.
 Ferner ist der Kaseinkalk bedeutungsvoll.
 Er brauchte als eine Abart der Kalktechnik
nicht besonders aufgeführt zu werden, da er in
der für unser Merkblatt besonders wichtigen
Frage der Alkalität dem Kalk näher steht als der
Emulsion.

2. Die Farben in Mal- und Anslrichfarben
ırennen kann man nur, wenn man, wie offenbar
der Kritiker, über deren Verwendungsweise nicht
genügend unterrichtet ist. Beispiele der Verwendung
 von Chromorange, Neapelgelb und Ultramarinviolett
 für den Hausanstrich können auf
Wunsch in natura vorgeführt werden.

3. Dem Kritiker ist der Begriff Eisenoxydgelb
unbekannt, und er vermutet darin spitzfindigerweise
 Sideringelb, ein Eisenchromat! Es scheint
ihm unbekannt zu sein, daß die I. G. Farbenindustrie
 „Eisenoxydgelb“ und „Eisenoxydrol“
herstellt und für verwendbar mit Kalk, Zement
usw. verkauft.

4. Schwerspat und Blancfixe sind Substrate, die
bei der Fabrikation eine wichtige Rolle spielen.
Der Verbraucher arbeitet jedoch nicht mit ihnen
als „weißen Farben“. Da das Merkblatt kein
Fabrikationslehrbuch sein soll, ist die Substratfrage
 nur soweit behandelt, als sie zur Kennzeichnung
 der Fassadenfarben wichtig erscheint. Die
etwaige Verwendung des Blancfixes in Wasserglas
 fällt nicht in den Rahmen des Merkbhlattes,
in dem die Wasserglas- und Silikattechnik stets
als gesondert zu behandelnde Technik bezeichnet
wird.

5. Wenn die Wasserglastechnik aufhellend genannt
 und damit in optischer Hinsicht der Kalktechnik
 gleichgestellt wird, so hat das seinen
Grund darin, daß diese Technik in der meist ausgeübten
 und auch allein sicheren Form der Silikat-,
 Mineral- oder Verkieselungstechnik bestimmter
 Farben bedarf, die aufhellende Zusätze
erhalten haben. Man betrachte eine Musterkarte
etwa der Keimschen Mineralfarben.

6. Deck- und Lasurfarben. Um sich in dieser
Beziehung dem Kritiker verständlich zu machen,

müßte man ihm zunächst die optischen Grundzesetze
 erklären. Es ist bekannt, daß jeder, der
nicht physikalisch denkt, in bezug auf die Begriffe
„decken“ und „lasieren“ stets in Verwirrung gerät.
 Tatsächlich kann der tiefere Zusammenhang
hier auch nicht auseinandergesetzt werden. Lazieren
 und Decken sind eine Folge des verschiedenen
 Lichtbrechungsvermögens der Farbteilchen.
Solche, die höheres Brechungsvermögen als das
sie umgebende Leinöl haben, lassen das Licht
nicht ungehindert hindurch, sondern werfen es
zurück; sie sind daher Deckfarben. Solche Farben,
 deren Brechungsvermögen mit dem des Öls
zusammenfällt, werfen das Licht nicht zurück,
schlucken es vielmehr auf; sie sind alsdann ebenfalls
 Deckfarben. Oder sie lassen es durch, dann
sind sie Transparenz- oder Lasurfarben. Deckfarben
 erster Art sind hell, weiß oder bunt, sehen
rocken in Leim und in Öl ungefähr gleich aus
‘Bleiweiß, Chromgelb). Deckfarben zweiter Art
sind sehr dunkel bis schwarz und sehen trocken
in Leim bzw. Öl immerhin ziemlich gleich aus
‘Ruß). Transparenz- oder Lasurfarben sehen in
Öl und in Leim, solange sie noch naß sind, dunkel
aus; dagegen trocken und als Pulver sehen sie
hell aus. Zwischen diesen Unterschieden, Decken
und Lasieren, besteht also die unmittelbarste
optische Beziehung. Ultramarin ist eine ausgesprochene
 Lasurfarbe. Man betrachte sie im
Vergleich mit Bleiweiß in Öl auf Glas in der
Durchsicht! Mit der Verwendbarkeit zur Lasieriechnik
 des Malers hat das aber nur unmittelbar
zu tun. Terra di Siena ist von sehr mittelmäßiger
Transparenz und doch eine der besten Farben
für die Lasiertechnik. Da spielen noch andere
Faktoren hinein, so der Ölbedarf, die plastische
Anreibung und dergleichen, deren Erklärung hier
zu weit führen würde. Die Kritik dieser optischen
Eigenschaften muß jedenfalls Berufenen überlassen
 bleiben.

7. „Zu beanstanden ist die Benennung Teerfarbstoffe,
 denn wirkliche Teerfarbstoffe sind lös-‚ich,
 dienen zum Färben.“ Ist Hansagelb, Helioechtrot
 usw. nicht löslich? Allerdings nicht in
Wasser, wohl aber in organischen Lösungsmitteln.
 Der Kritiker meint wohl „wasserlöslich“.
Dann sind Indanthrenblau, Alizarin usw., bekannte
 und in der Färberei viel gebrauchte Teerfarbstoffe,
 zu Unrecht mit diesem Namen belegt.
Der Kritiker möge einmal der I. G. Farbenindustrie
 mitteilen, daß die genannten Produkte keine
Farbstoffe sind! Daß mit wenigen Ausnahmen
die Teerfarblacke, worunter der Verfasser wohl
auch die wasserunlöslichen sogenannten Pigment-[arbstoffe
 versteht, in Öl und Lack nicht, dagegen
als Leim- und Kaseinfarben verwendbar sind,
und zwar nur im Innenraum, muß als grundfalsch
bezeichnet werden. Denn gerade in Öl und Lack
halten sich die lichtechten Teerfarbstoffe teilweise
 überraschend gut und weit besser als in
Leim und Kasein!

8. „Als neu erscheint der Name Universallarben.‘“
 Dem Kritiker ist wohl nicht bekannt, daß
Universalfarben bereits seit etwa 10 Jahren im
Handel sind. Der Name stammt also nicht von

Tel
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.