Volltext : Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg (Bd. 128, 1973)

Über die Variabilität metrischer Merkmale beim Menschen
ben beide Geschlechter je 2mal größere Werte. Die Kopfmaße sind mit 3
Stichproben zu wenig vertreten, als daß daraus Schlüsse gezogen werden
könnten.
Dieses Verhalten stimmt mit den Beobachtungen von Grımm überein,
daß die jungen Mädchen die größeren Maße besitzen, womit auch die davon
 abhängigen statistischen Werte größer sind als bei den Knaben.
5. Zusammenfassung und. Schlußfolgerungen
Faßt man die Einzelbefunde zusammen, so ergibt sich etwa folgendes
Bild: Auch bei Verwendung von v als Variationsmaß bestätigt sich, daß im
ganzen die Variabilität bei den Männern größer ist als bei den Frauen.
Ein großer Teil dieser Geschlechtsunterschiede läßt sich aus den größeren
Durchschnittsmaßen der Männer verstehen, da eine Abhängigkeit der
Streuungsmaße und des davon abhängigen Variationskoeffizienten (v) von
der absoluten Größe der Mittelwerte bei den gleichen Variablen besteht.
Es überwiegen daher auch die v-Werte bei den Frauen bei denjenigen
Maßen, bei denen sie die größeren Mittelwerte aufweisen, wie den Bekkenmaßen
 und einer Reihe von Körperindices. Es lassen sich jedoch nicht
alle Unterschiede aus dieser Abhängigkeit zwischen Mittelwert und Streuung
 bzw. Variationskoeffizienten erklären.
Zum Verständnis dieser Tatsache muß man die Verhältnisse beim jugendlichen
 Körper betrachten. Nach den Untersuchungen von TANNER
wird das Maximum des Längenwachstums durchschnittlich mit schon 14
Jahren erreicht. Der Größenunterschied zwischen erwachsenen Männern
und Frauen ist weitgehend das Ergebnis des unterschiedlichen Wachstumsschubes
 im Jugendalter. Vor der Pubertät sind Knaben und Mädchen
praktisch gleich groß.
Völlig überraschend und aus den statistischen Abhängigkeiten nicht verständlich
 ist die größere Variabilität der Mädchen gegenüber den Knaben.
Sie bezieht sich auch nicht nur auf die Altersklassen, in denen die Mädchen
 in der Körperhöhe die Knaben übertreffen, sondern sie gilt auch für
die jüngeren Altersklassen. Erst vom 14. Lebensjahr an gilt die Regel, daß
v häufiger im männlichen als im weiblichen Geschlecht größer ist. Diese
Altersunterschiede in der Variabilität der Geschlechter lassen sich nur
durch folgende Überlegungen erklären. Nach der Art der Entstehung
zeichnen sich, wiederum nach TANNnER, folgende Gruppen von Geschlechtsunterschieden
 ab:
1. Die Wachstumsvorgänge können ausschließlich in der Pubertät als unmittelbares
 Ergebnis der verschiedenartigen Hormonausschüttung un-‚terschiedlich
 ausgeprägt sein (das gilt beispielsweise für das Breitenwachstum
 der Hüften und Schultern).
2. Dadurch, daß der puberale Wachstumsschub bei männlichen Jugendlichen
 später einsetzt als bei weiblichen, verlängert sich die Gesamtdauer
 des Wachstums für den männlichen Organismus, der Körper
wird also insgesamt größer. Außerdem unterliegt er länger den differenzierenden
 Wachstumsvorgängen, die bei beiden Geschlechtern zwi-Jh.
 Ges. Naturkde. Württ. 128 (1973)

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