„Bauchschwangerschaft“ bei Vögeln.
Von Freiherr Richard Koenig-Warthausen.
Als ich i. J. 1851 in Tharand Forstwissenschaft studirte verbreitete
sich das Gerücht, die verwittwete Pastorin Täusert habe
im Leib eines Huhns ein ausgebildetes Küchlein gefunden. Ich bekam
sofort Gelegenheit die alte Dame „zu Protocoll zu vernehmen“.
In der ersten Aprilhälfte jenes Jahrs war ihr eine anscheinend
gesunde Henne in geschlachtetem Zustand zum Kauf angeboten
worden; ihre Grösse wie der auffallend billige Preis veranlasste sie
dieselbe zu erwerben, Als sie und ihre Schwester die Sonntagsspeise
zubereiten wollten, entdeckten sie in den in Wasser gelegten Eingeweiden
einen kugeligen Körper, der ziemlich grösser als eine
welsche Nuss und aussen faltig zusammengeschrumpft war, wobei
aus der geplatzten Haut etwas Besonderes hervorsah. Bei genauerer
Untersuchung fanden sie in jener Hülle ein kleines, unreifes und
durchsichtiges aber ziemlich gut ausgebildetes Hühnchen, an welchem
Kopf, Flügel, Füsse und Zehen deutlich zu erkennen waren; der
Bauch war grünlich angelaufen und eingesunken und innerhalb des
häutigen Sacks waren Spuren einer eingetrockneten weisslichen (albuminösen!)
Materie. Die Henne, welche nur ganz kleine Keime
am Eierstock hatte, wurde sofort beseitigt, da die Schwestern sich
an dem Erfunde eckelten „wie an einem Geschwür“.
Mir fiel alsbald ein, dass Becusten (Naturg. d. Vög. Deutschl.,
II, 1246 nach Mise. Nat. Curios. und Gozzg) die mir bis dahin fabelhaft
erschienene Anmerkung gemacht hat, „man habe auch Exempel
von Hühnern die lebendige Küchlein zur Welt gebracht haben“.
Schon damals legte ich mir die Frage etwa also zurecht: Jede
Jungen-Entwicklung bei warmblütigen Thieren erfolgt durch eine
der Blut-Temperatur der Erzeuger analoge continuirliche Wärme.
Zwischen Säugethieren und Vögeln ist nur der Unterschied, dass bei
jenen die Ernährung des Embryo bis zur Foetus-Reife in directem
Zusammenhang mit dem Mutterleibe stattfindet, also innerhalb von
diesem sich vollziehen muss, wobei dann die Nothwendigkeit einer
festen Schutzhülle wegfällt, während das Ei die erste Nahrung für