Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 43, 1887)

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2. gehe es ohne Hitze des Gemüts nicht ab, 3. habe der Verspieler 
doch nur Zorn und Gram davon. Am meisten wurden Piquet und 
I’hombre gespielt. Das Brettspiel galt für reputierlicher; das Damen- 
ziehen und Schach waren elegante Spiele, beide aber. deswegen 
weniger empfohlen, weil sie zu viel des Verstandes brauchen, was 
für die Kur schädlich sei. Für schimpflich galten die Würfelspiele. 
Kegelbahn und Schiesstafel waren auch sehr beliebt. 
Am liebsten sucht unser Kurgast eine Musik, so welche im 
Badhaus oder im Schlossgarten einmal zu hören ist; sie galt als 
vortreffliche Ergötzung des Gemütes, durch welche sogar die bar- 
barischen Gemüter, ja die wilden Tiere bewegt werden. 
Tanzen sollte der Kurgast womöglich gar nicht; doch gab’s öfter 
Gelegenheit, und wurde sie dann auch in origineller Weise benutzt. 
Beliebt waren die Reihentänze: Die Dame wurde mit eier 
kleinen Rede vor der Anführung begrüsst, wenn sie verheiratet war, 
auch ihr Gemahl. Dann hatte der Tänzer sie so zu führen, dass 
ihre Finger leicht auf den seinen lagen, im Reigen selbst sollte er 
nicht vorspringen, nicht die Tänzerin zum Springen nötigen, auch 
nicht der Dame mit den Sporen die Kleider von einander reissen. 
Nach dem Tanz kam wieder eine kleine Rede und Antwort; zuletzt 
durfte er sie in die Stube begleiten, wobei er sich allerdings zu 
hüten hatte, dass ihm nicht von Kifersüchtigen mit Prügeln auf- 
gelauert wurde, was gebräuchlich war. Zum Schluss entschuldigte 
er sich bei der Dame und bei den Eltern, dass er durch sein Geleit 
seine Ehrenbezeugung verspüren lasse. 
Sonntags gab’s oft ein KExtra-Vergnügen: bald kam irgend ein 
Edler von der Umgebung der Stadt, so ein Herr von LiEBENSTEIN oder 
Graf DEGcEenreLD mit Familie und Gefolge, mit Rossen und Hunden 
die Menge, und sammelte des Mittags die Gesellschaft um sich; bald 
wurde ein Wettschiessen, oder eine Turnier- und Fechtübung gehalten. 
Ein andermal gab’s vielleicht auf dem Marktplatz Komödianten 
zu sehen, als Arsenikfresser — die besonders angestaunt waren und 
am Schlusse der Vorstellung so liberal sich zeigten, jedem Zuschauer 
eine Dütlein Wurmsamen für seine Kinder zu verehren — oder Seil- 
tänzer, oder Bändelspeier u. dergl. mehr; auch Bären- und Kamels- 
führer. 
Ausflüge in die Umgebung machte man damals nicht, grössere 
Touren im heutigen Sinn vollends gar nie, da die Strassen zu un- 
sicher, die Dorfschänken meist gefährlich waren. 
Das Badeleben änderte sich natürlich ja immer mit der stark
	        

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