Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 43, 1887)

wechselnden Gesellschaft; sie scheint meist sehr gemischt, zeitweise 
sehr gross gewesen zu sein — einmal wurden sogar 60 Badgäste ge- 
zählt, und muss diese Saison zu den besten gehört haben. — Da 
werden z. B. genannt: eine Weissgerberin von Ulm, ein Schuhmacher- 
gesell aus Biberach, ein fränkischer Kavalier, ein Bäck von Ebersbach, 
eine Bierbrauerin aus Mengen, ein Geistlicher aus Mengen; die Be- 
amten des Herzogtums scheinen zahlreich vertreten gewesen zu sein. 
Weiter werden genannt: eine Geheime Rätin, ein Obrist, ein Herzog 
von Württemberg, ein Obervogt, ein Kammerjunker, ein Erbprinz von 
Norwegen und — last not least — ein Pfalzgraf vom Rhein mit: 
1 Gemahlin, 1 Kammerjungfer, 1 Hofrat, 1 Leibarzt, 2 Kammermägden, 
1 Pagen, 1 Trompeter, 1 Kurschreiber, 2 Kammerdienern, 2 Lakaien, 
1 Koch, 2 Marstallknechten, 3 Leibkutschern, 3 Nebkutschern, 6 Per- 
sonen mit 2 Packwägen, 1 Kanzleidiener und endlich 33 Pferden. 
Wenn denn nun so der Mittag herum war, dann ging der Kur- 
gast zur Quelle, trank seine 3, 4 Gläslein Sauerwasser, ging darauf 
spazieren und speiste um 7 Uhr zu Nacht. Um 9 Uhr musste alles 
zu Bett sein; es schlaft alsdann der Sauerbrunnengast wohlverwahrt 
im Bett.fröhlich ein und lasset die Sorgen in den Kleidern stecken. 
Nach vollendeter Kur, die gemeiniglich mehrere Wochen dauerte, 
und vor der Abreise wurde ein gelindes Laxativ von den meisten 
Ärzten für nützlich erachtet, nach dem sollte der Badgast ohne Ab- 
schiedsschmaus — wo ja der Badgast mit einemmal die ganze Kur 
viel verderbe — mit Gott heimkehren und übers Jahr dann wieder 
kommen — wobei der Brunnenmedikus nicht versäumte, demselben 
passende Kanzleitröste über Nachwirkung etc. — wie sie nach 200 
Jahren heute noch gebräuchlich sind, mit heim zu geben. 
So also, meine Herren, lebte, kurierte und badete man in Göp- 
pingen vor 200 Jahren und wir sagen unserm Badegast von 1600 
Lebewohl. — Und wir so viel mehr gebildete Naturjünger von heute, 
was lernen wir aus seinem Bilde? Stolz, denke ich, im Bewusstsein 
des Wissens von heute, und Demut in der Erkenntnis, dass wir, die 
wir’s in der Theorie so herrlich weit gebracht haben, in der Praxis 
herzlich wenig weit, ja so wenig weiter gekommen sind, dass auch 
uns Göppinger Doktoren und sonstigen Naturwissenschäftlern von 
heute, zumal in des aufrechten alten Neckarweins klemmer Zeit, die 
Brunnenkur, nach dem alten «gL070v uer vdwg, als des Handelns 
erste und beste Regel feststeht, wenn es gilt, den Hüter für Leibes 
und Geistes Gesundheit zu machen. 
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