Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 52, 1896)

— IXXXIX — 
Prof. Dr. Sieglin (Hohenheim) ist von dem Entgegenkommen 
der Fabrikbesitzer nicht so durchweg überzeugt; auf mehrere Fabriken 
hinweisend, betont er, dass bei gutem Willen viel zu machen sei und 
dies auch thatsächlich geschehe, während in manchen Fällen, wo das 
Übel geradezu gefährliche Erregung erzeuge, die Regierung sich schliess- 
lich vor die Frage gestellt sehe, durch Schliessung der Fabriken die 
Sache zum Abschluss zu bringen. Er hält auch, sich Fraas anschliessend, 
die Ableitung der verseuchten Wasser in den Boden zum mindesten 
für des Versuches wert und glaubt, dass eine Vergiftung des Grund- 
wassers wohl nur sehr vereinzelt zu befürchten sei. In humoristischer 
Weise stellt Redner die Fische als vorzügliches Reagens auf Fluss- 
wasservergiftung vor; in ein verseuchtes Wasser gebracht, legt sich der 
Fisch bald auf die Seite und wird er nicht gerettet, so stirbt er ab; 
in frisches Wasser versetzt, erholt er sich rasch; so können uns die 
Fische kundgeben von einer weitgehenden Vergiftung, und das Fisch- 
sterben, wie es z. B. im Neckar stattfand, ist es auch, welches beun- 
ruhigend die Aufmerksamkeit der weiteren Kreise erregt. — Prof. Dr. 
Kirchner erörterte in eingehender, klarer Weise einige wichtige biolo- 
gische Momente. Er teilte zunächst mit, dass am Kocher viele zer- 
malmte kleinste Holzteile von einer Holzfabrik in den Kocher gelangten, 
die jedoch im ganzen ohne Bedeutung wären. Die schleimigen, ganz 
ähnlich in der Farbe aussehenden Massen, die alle Gegenstände über- 
ziehen und den Kocher auf weiteste Entfernungen hin in grösstem Mass- 
stab verunreinigen, werden gewöhnlich für Cellulose gehalten, die von 
der Cellulosefabrik in Unterkochen stammt; wie sich Redner jedoch über- 
zeugt hat, handelt es sich hier gar nicht um Cellulose, sondern um 
die auch anderwärts unter ähnlichen Bedingungen nicht selten beobach- 
teten Wasserpilze Leptomitus lacteus und (in Aalen) Sphaerotilus natans; 
unter ungünstigen Vegetationsbedingungen wie hoher Temperatur sterben 
diese Wasserpilze ganz rasch massenhaft ab und erzeugen durch ihre 
Zersetzungsprodukte eine Verpestung des Wassers und der Luft. Auf 
die Flussverunreinigung durch grüne Gewächse übergehend, äussert sich 
Redner dahin, dass die Rolle derselben bei der Selbstreinigung der 
Flüsse immerhin noch zweifelhaft sei, da, wie man sich leicht über- 
zeugen könne, in stark verunreinigtem Wasser nur Wasserpilze und 
wenig oder gar keine Algen sich finden, niedere und höhere grüne Ge- 
wächse dagegen erst wieder auftreten, wenn die Reinigung des Wassers 
bereits wieder bedeutend vorgeschritten ist. — Da die Zeit mit dieser 
eingehenden, ganz unerwartete Resultate ergebenden Erörterung bereits 
weit vorgeschritten war, so verzichtete der zweite Redner, Prof. Dr. 
Sussdorf, aufs Wort; zum Schluss lud noch Prof. Dr. Hell auf den 
Sonntag, den 23. d. Mts. in den Vormittagsstunden zu einer Besichti- 
gung der Räume des neuen chemischen Laboratoriums ein.
	        

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