Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 53, 1897)

darstellen, dass also die Zeugung einen wirklichen Neubildungsvorgang 
bedeute. Auch von dieser epigenetischen Richtung wurde meistenteils 
der Keim in das weibliche Individuum verlegt und dem Samen 
eine dynamische Wirkung oder auch eine Art ernährende Rolle zu- 
geschrieben. 
Dies waren die beiden Hauptrichtungen , welche zu jener Zeit 
nebeneinander bestanden. Ich will nur noch hinzufügen, dass es 
daneben auch eine grössere Anzahl von Forschern gab, welche den 
Samen als den eigentlichen Keim, das Ei aber nur als den Nähr- 
boden desselben betrachteten. Diese von LEEUWENHOEK begründete 
Lehre, welche im Gegensatz zu den sogen. „Ovulisten“ als die „sper- 
matistische“ Schule bezeichnet wurde, ist dann gleichfalls bald mehr 
in der Richtung der Evolutionslehre, bald mehr nach der epigene- 
tischen Seite hin ausgebauf: worden. Ich nenne hier nur ErRAsMmvus 
Darwın, den Grossvater und zugleich einen der Vorläufer von CHARLES 
Darwın. Dieser sah im Samen ein einfaches lebendes Filament, 
welches mit einer gewissen Fähigkeit der Reizung, der Empfindung 
und der Association, auch mit einigen angenommenen Neigungen und 
Gewohnheiten des Vaters begabt ist und bei der Befruchtung durch 
den Reiz der umgebenden Flüssigkeit bestimmt wird, sich zunächst 
zu einem Ringe umzubiegen, welcher zu einem, die Nahrung auf- 
nehmenden Kanale wird. Andere Spermatisten bekannten sich zu 
rein evolutionistischen Anschauungen und sahen in den Samenfäden 
Jleibhaftige Embryonen, welche nur noch zu wachsen brauchen, um 
sich zu den neuen Individuen umzubilden. 
Dies war im grossen Ganzen der Stand der Zeugungsfrage, als 
im Jahre 1785 durch die grundlegenden Versuche SPALLANZANI'S der 
Befruchtungsvorgang dem Experimente zugänglich gemacht wurde. 
SPALLANZANI Opnerierte hauptsächlich mit dem klassischen Objekte der 
späteren Physiologen, dem Frosche: indem er den frischgetöteten 
Tieren die reifen Geschlechtsprodukte entnahm und dieselben im 
Wasser mischte, führte er zum ersten Male die sogen. künst- 
liche Befruchtung aus, ein Experiment, welches seitdem nicht 
nur der Wissenschaft wiederholt zu den wertvollsten Ergebnissen 
verholfen, sondern bekanntlich auch durch seine Anwendung in der 
Fischzucht in ausgedehntem Masse praktische Verwendung gefun- 
den hat. ; 
Durch den SpaLLANzANı’schen Versuch konnte hauptsächlich die 
Feststellung von drei Punkten wenigstens angebahnt werden: einmal 
liess sich zeigen, dass der Samendunst oder die blosse Evapora- 
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