Volltext: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1889, Bd. 8, H. 1/12)

Wollregime den Vorzug zu verdienen. Seine vegetarischen Zuhörer stimmen 
ihrem Ke üteidern bei, preisen die Segnungen der Lahmannschen Hemden 
und lassen sich von ihrem Oberhaupt gern den unlogischen Fehlschluß auf- 
schwaßen, daß eigentlich ein Vegetarier auch Kleidung nur 
aus Pflanzenstoff tragen müsse. Weil der Vegetarier fast nur von 
Pflanzenkfost lebt, deShalb foll er auch Kleidung nur aus Pflanzenstoff 
haben? Welche Logik!? 
So viel über den „neutralen Standpunkt“ des Herrn 
Dr. Förster in dem Streit um die Reform der Kleidung. Ueber die 
„Norm“ spricht der gelehrte Herr sich wörtlich in folgender Weise aus: 
„I< bin der „Meinung“, daß die persönliche Erfahrung 
einem jeden seine Norm werden muß (das müßten aber andere Erfahrungen 
sein, als die von Herrn Dr. Förster mit der Wolle und Baumwolle ge- 
machten) ; das was er für sich als nüßlich herausfindet, ist ihm „nor- 
mal“*). I< kann mich nach meinen eigenen Erfahrungen (deren 
Nawität wir kennen gelernt haben) no<h nicht überzeugen, daß es eine 
allgemein bindende „Normalität“ gebe (der Fleishliebhaber kann auch 
die Normalität des VegetariSmus nach seinen eigenen Erfahrungen nicht 
zugeben), und ich bin auch auf diesem Gebiet vorerst gegen jede „an - 
spruch5volle Rechtgläubigkeit“. (Na, na! anspruchsvolle 
Rechtgläubigkeit? Wer hat sie verlangt? und wo?) Sehe jeder, 
wie er's treibe! Sehe jeder, wo er bleibe, ob in Wolle, Baumwolle, 
Leinen **). Und prüfen wir darum alles, um das Beste zu behalten!“ 
(Aber niht nach der Manier des Herrn Dr. Förster, denn der hat 
wirkliche Prüfungen no<h gar nicht vorgenommen.) 
Gerade so „neutral“ und gerade so „normal“, wie Herr 
Dr. Förster, ist die unter seiner Oberaufsicht erscheinende „Vegetarische 
Rundschau“ in dem Streit um die Reform der Kleidung von jeher gewesen. 
Im Jahrgang 1883 wird auf S. 298-299 die Bekleidungsfrage 
erörtert, aber nicht in der von Ihnen angebahnten wissensc<haftlihen Richtung 
der physiologischen Forschung, sondern nach den Angaben eines Dr. Neu- 
mann, der seine Weisheit von dem längst verstorbenen Hufeland aus- 
Searaben haben soll. Die Redaktion der Rundschau, welche diesen un- 
ändig lehrreichen Artikel höchst eigenhändig verbrochen hat, schließt ihn 
mit der von Herrn Dr. Förster als unlogisch gerügten Forderung: 
„SFeozetarier sollten wenigstens als Jdeal eine rein vegeta- 
bilisc<e Bekleidung herzustellen und in die Praxis einzuführen ver- 
suchen.“ =- Worauf es bei der Bekleidung ankommt und welche besonderen 
Eigenschaften sie haben muß, das ist diesen Vegetariern wurstig; sie wollen 
nur die Erfüllung ihrer „vegetabilisc<h-vegetaris<en“ Wünsche, 
deren Thorheit sie nicht einsehen. = 
Im Jahrgang 1884 wird der längere Auffaß eines Wollenen 
(S. 38-45) mit einem langen enggedrukten redaktionellen Schlußsatß ab- 
gedruckt, der das Vorgetragene im Sinne dieser einseitigen Vegetarier 
abshwächen soll und der in Ermangelung anderer tadelnswerter Dinge 
*) Dann lebt jeder Fleischesser und Biertrinker, der diese Lebensweise als 
ihm nüßlich herausgefunden- hat, also jeder Verehrer der gemischten Fost, auch 
normal. Wo bleibt da der Vegetarismus ? 
XX) Auch ob in Kflanzenkost, oder ob in gemischter Kost * 
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