Volltext : Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 53, 1897)

— VII -
unseren schwäbischen Jura einging. Der Palaeontologe und Geologe
geht in seinen Schlüssen und Folgerungen wohl immer am richtigsten
 von den Beobachtungen am heutigen Tier- und Pflanzenleben
 aus, indem er dieselben Bedingungen, unter welchen die Tiere
heute noch leben, auch auf die Vorzeit überträgt. Nun können wir
an den im Meere lebenden Spongien oder Seeschwämmen beobachten,
dass die in den grössten Tiefen lebenden Formen Kieselskelette und
zwar meist 6strahlige (Hexactinellidae) bilden, in etwas geringerer
Tiefe und bis in die litorale Zone heraufgehend leben die Kalkspongien
 und in den seichten Meeresgebieten schliesslich herrschen
die Hornspongien vor... Im Weiss-Jura unserer Alb spielen nun die
Spongien eine ausserordentlich wichtige Rolle, indem sie, wie die
heutigen Korallen, Riffe aufbauten, die uns heutzutage als die
klotzigen Felsenkalke inmitten der wohlgeschichteten Kalk- und
Thonfacies entgegentreten. Wie bei den Korallenriffen ging auch
bei den Spongienriffen im Innern die Struktur der einzelnen Organısmen,
 welche den Felsen aufbauten, nahezu vollständig verloren
und nur selten gelingt es, dort noch die Andeutung von Fossilien
festzustellen. Um so reicher und besser ist dagegen die Erhaltung
am Rande des Riffes im Übergang zu der wohlgeschichteten glatten
Facies, d. h. in der Zone des „Vorriffes“. Wenn wir nun die Spongiten
aus den einzelnen Stufen des Weiss-Jura untersuchen, so können
wir in der Rifffacies leicht drei verschiedene Horizonte unterscheiden.
Die untere Schwammfacies, welche durch Weiss-Jura &, ß
und 7 gleichmässig durchsetzt, baut sich ausschliesslich aus Kieselspongien,
 vorwiegend aus der Gruppe der Hexactinelliden auf und
bezeichnet demnach eine ausgesprochene Tiefseefacies. In der
mittleren Schwammfacies (Weiss-Jura 0) gesellen sich zu den
Hexactinelliden vielfach Lithistiden, unter denen die Cnemidien leitend
werden, auch treten bereits einzelne Kalkspongien auf; diese Facies
bezeichnet demnach eine geringere Meerestiefe und leitet den Rückzug
 des Jurameeres ein, der uns am deutlichsten in der oberen
Schwammfacies entgegentritt, denn hier überwiegen die Kalkspongien
 neben den Lithistiden (Cylindrophyma), ebenso wie ja auch
Korallen sich einstellen, welche den besten Beweis für die geringe
Tiefe des damaligen Jurameeres im Gebiete unserer Alb liefern.
Im Anschluss fügt Prof. Dr. Lampert noch einige Worte über
die recenten Glasschwämme bei. Erst vor ca. 70 Jahren wurden
die Glasschwämme bekannt und zwar zunächst der prächtige Giesskannenschwamm
 oder Venusblumenkorb (Euplectella) und die speciell
            
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