Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 57, 1901)

My — 
Vorwort. 
Ausser dem wissenschaftlichen Interesse, eine Reihe von hun- 
dertjährigen Witterungsbeobachtungen, die an einem Orte angestellt 
worden sind, vor Augen zu haben, hat mich auch das seltene Vor- 
kommnis, dass ein Vater und zwei seiner Söhne neben ihrem eigent- 
lichen Berufe hundert (oder 103) Jahre lang eine und dieselbe wissen- 
schaftliche Arbeit betrieben haben, zu dem Versuche veranlasst, aus 
jenen einzelnen Tagesbeobachtungen, welche in den ersten 40 Jahren 
vereinzelt geblieben und weder zu Monats- noch zu Jahresergebnissen 
gefördert worden sind, nunmehr doch die Tagesmittel und weiter 
auch die Monats- und Jahresmittel zu berechnen und von einem 
Jahrhundert ein Gesamtbild klimatischer Verhältnisse meiner Heimat 
darzustellen. 
Vom Jahr 1798 an hat mein seliger Vater, Hofmedikus Dr. GEore 
Hemrıcn MöLLErR, Oberamtsarzt in Calw (geboren 1763, erzogen in 
der hohen Karlsschule, gestorben 1833), bis ins Jahr 1832 womöglich 
täglich zwei- bis dreimal Beobachtungen von Barometer, Thermo- 
meter, Wind und Wetter (später auch Hygrometer) aufgeschrieben, 
jedoch ohne weitere Ergebnisse daraus zu ziehen. Diese Beobach- 
tungen wurden fortgesetzt und erweitert von seinem zweiten Sohne, 
meinem älteren Bruder, Medicinalrat Dr. Kart, MüöLLER, gleichfalls 
Oberamtsarzt in Calw (geb. 1803, gest. 1877), bis gegen Ende des 
Jahres 1876, von wo an ich (geb. 1818) dieselben übernommen habe. 
Aus den Beobachtungen meines Vaters sichere Ergebnisse zu er- 
zielen, war übrigens eine ziemlich schwierige Arbeit. Denn nicht 
nur waren Mittagsbeobachtungen sehr häufig gar nicht gemacht, 
sondern auch die vom Morgen und Abend waren nicht zu festen 
Stunden gemacht, vielmehr öfters um mehrere Stunden verschieden. 
Weil ich aber doch die Ergebnisse der Temperaturmittel möglichst 
vergleichbar mit den neuesten, vorschriftsmässig gemachten her- 
stellen wollte, so musste ich die alten Aufzeichnungen in vielen 
Fällen umrechnen. Wenn also z. B. das Thermometer im Sommer 
morgens um 5 Uhr oder noch früher beobachtet war, so nahm ich 
an, dass die Luft um 7 Uhr etwa 2°, oder auch nur 1° (oder noch 
weniger) wärmer gewesen sein würde, je nach der hellen oder trüben 
Wetterlage. Oder wenn im Winter etwa um 9 Uhr beobachtet war, 
so dürfte die Luft um 7 Uhr '/z bis 1!%° kühler gewesen sein, je 
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