Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 57, 1901)

-- LXXIV. — 
die floristische Durchforschung des Landes noch keineswegs als abge- 
schlossen anzusehen. — Entsprechend der geringen Grösse und der 
geographischen Lage Württembergs ist unsere Flora an Arten nicht gerade 
besonders reich: von den bei GARCKE (Ilustr. Flora von Deutschland, 
17. Aufl. 1895) aufgeführten 2612 Arten von höheren Pflanzen des 
Deutschen Reiches kommen bei uns, wenn man dieselbe Arten- 
abgrenzung zu Grunde legt, rund 1600 — 61'/4 °/o vor. Auch gegen- 
über den beiden Nachbarländern Baden und Bayern steht unsere Flora 
entschieden zurück. Bezüglich Bayerns ist das, wenn man seine 
Grösse und seinen Anteil am Hochgebirge in Betracht zieht, keines- 
wegs auffallend, und so enthält denn die Flora von Württemberg nur 
75,31 °/o der für Bayern angegebenen Arten (nach PrantL, Exkursions- 
flora für das Königreich Bayern, 1884, zählt Bayern 1981 wild- 
wachsende Arten, dagegen Württemberg 1492). Die Flora von Baden 
zeichnet sich durch die südlichen und westlichen Gegenden angehörigen 
Arten, welche bis in das Rheinthal vordringen, sowie durch die alpine 
Region der höchsten Schwarzwaldhöhen aus; sie enthält 1651 wild 
wachsende Arten, wogegen die in Württemberg einheimischen nur 
90,4°/o ausmachen. Uns fehlten 259 Arten der badischen Flora, 
während anderseits in Württemberg 111 Arten vorkommen, die 
in Baden fehlen; dies sind‘ vornehmlich solche, die von den Alpen 
aus namentlich nach Oberschwaben eindringen, und solche, welche dem 
Jurazuge folgend unsere Alb auszeichnen. Obwohl an Artenzahl unsere 
Flora keinen Vergleich mit der bayrischen aushält, so weist sie doch 
ca. 60 Arten auf, welche der letzteren fehlen — wenn man von der 
bayrischen Pfalz, einem pflanzengeographisch andersartigen Gebiete, 
absieht. 
Interessant ist die heimische Flora vornehmlich durch solche 
Pflanzen, welche hier ihre pflanzengeographische Grenze er- 
reichen, und die sich aus Arten zusammensetzen, deren Verbreitungs- 
bezirk von allen vier Himmelsgegenden her nach Württemberg herein- 
reicht. Am zahlreichsten darunter sind diejenigen Arten, welche hier 
ihre nördliche Verbreitungsgrenze haben, besonders alpine, 
auf die hier nicht näher eingegangen werden soll; nur einige merk- 
würdige Vorkommnisse sollen erwähnt werden. Asplenum fontanum 
BERNH. hat bei Überkingen seinen einzigen Standort im Deutschen 
Reich, nachdem 2 badische Standorte verschwunden sind; die Art 
kommt im Schweizer Jura und den benachbarten Alpen vor, ferner in 
der Dauphine und bei Belfort, strahlt nach Belgien aus und erstreckt 
sich durch die Schweiz und Tirol nach Obersteiermark und Kärnten. 
Lasiagrostis Calamagrostis Lx., ein in ganz Südeuropa einheimisches und 
in die Alpen vordringendes Gras, hat seinen nördlichsten Standort bei 
Beuron; die nächsten Standorte sind der Schweizer Jura, das Algäu, 
Füssen, Partenkirchen. Iris graminea L., von Südosteuropa aus bis 
nach Oberschlesien vordringend, sonst in Spanien, Südfrankreich und 
Italien einheimisch, geht bis in die bayrischen Voralpen und findet 
sich am Prassberg bei Wangen. Orchis Spitzelii Saur. kommt im 
Deutschen Reich nur am Nagolder Schlossberg vor; sonst in den Tiroler,
	        

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