Volltext: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 5-6, 1849-1850)

keit zur Mikro-Strukturierung physischen Environments 
stehen, und sowohl physische Makrostruktur wie auch psy- 
chische Empfindungswelt und ethisch-normatives Verhalten 
davon maßgeblich bestimmt werden. Diese Gesamtschau 
kennzeichnete Referate der Futurologen und Soziologen 
(mit Schwergewicht auf methodischen Verfahren und Appli- 
kationsschwierigkeiten), der Politiker und Koordinatoren 
(die noch recht hilflos auf Unterstützung von allen Seiten 
hoffen) und der Marketing-Praktiker, denen jedoch pro- 
fessionelle Nachfrageproduktion noch allemal vor Analyse 
und Ausrichtung auf prognostizierten wirklichen Bedarf zu 
gehen scheint. 
Das Grundsatzreferat von Prof. Dr. Haseloff (Lehrst. für 
Psychologie, PH Berlin), das wir im Anschluß ganz wieder- 
geben, setzte Maßstäbe für eine Umwelt-Erfahrung, 
-Analyse und -Prognose, die bei allem Planen einbezogen 
werden müssen. Wer bisher meinte, mit Geschoßflächen- 
zahlen, Verkehrsdichteberechnungen und Wirtschaftlich- 
keitsuntersuchungen im Rahmen technokratischer Modelle 
Zukunft simulieren zu können, wird sich von Exkursen in 
zunächst irrelevant erscheinende Bereiche nicht abhalten 
lassen dürfen, sich der Hilfe der Verhaltens- und Motiv- 
forschung in verstärktem Maße zu versichern. Das gilt auch 
dann, wenn solche Exkurse die Eigenschaft haben, zu kei- 
nen direkten Ergebnissen zu führen oder gleich Realisa- 
tionswege zu weisen. 
Dieses Dilemma - in Verbindung mit dem Vorwurf mangelnder 
Wirklichkeitsbezogenheit des von Planern häufig benutzten 
"angelsächsisch Angelesenen" - veranlaßte Prof. Dr. Silber- 
mann (Lehrst. und Institut für Soziologie der Massenkommu- 
nikation und Kunstsoziologie, Universität Lausanne) in 
seinem Korreferat zum Appell an Städtebauer, Planer und 
Gesetzgeber, die Soziologen und ihr methodisches Instru- 
mentarium zu permanenter Kooperation heranzuziehen. In 
der sozialen Verflechtung, die alle Bauwerke relativ kleiner 
oder großer Permanenz eingehen, sieht er die soziale Ver- 
pflichtung, nicht müßig über das Künstlerische in der 
Architektur zu diskutieren, sondern auf das aktuelle 
menschliche Verhalten ausgerichtete Benutzungsanalysen. 
durchzuführen. An die Stelle der durchschnittlichen Deter- 
minierung des theoretischen Publikums und seiner ober- 
flächlichen Klassifikation nach äußeren Merkmalen habe 
die "Planungssoziologie in bezug auf Benutzungsfaktoren" 
ZU treten. 
Wie schwierig sich jedoch die produktive Zusammenarbeit 
trotz guten Willens auf beiden Seiten gestalten läßt, wird 
aus den Forderungen deutlich, die Prof. Frei Otto aus- 
sprach. Seine auf der Kenntnis technischer Möglichkeiten 
gereiften Visionen, zusammen mit der vergleichsweise 
harmlos erscheinenden Förderung nach Schaffung mobiler 
Individualbereiche anstelle von Bodeneigentum, stellen 
einen Schritt in Richtung auf eine zukünftige Entwicklung 
dar, den sich die Projektions-Prognostiker vielleicht noch 
nicht so konkret vorstellen. Als bekanntermaßen konstruk- 
tiv begabt scheint er den Sozio-Partnern zu dilettieren, 
wenn er sich auf Kritik theoretisierender Prognosetechniken 
einläßt. - Wer verwirrt hier wen: der Konstrukteur mit 
konkreten (und im Falle der Realisation dann ja auch prä- 
senten) Projekten die Analytiker und Permanent-Prognostiker, 
oder diese den Praktiker mit dem latenten Vorwurf mangeln- 
der Systematik in bezug auf sozio-ökonomische Einfluß- 
faktoren? 
Mit erfreulicher Selbstkritik berichtete Dr. L. Stork (als 
Vertreter des BuWo-Bau-Ministers Dr. Lauritzen) von der 
Arheit seines Ministeriums an der Lösung kommender Auf- 
gaben. Der Katalog geplanter Aktivitäten umfaßt u.a.: 
—- Intensivere Stadtforschung 
- Durchdachtere Leitbilder für die Stadtentwicklung, 
möglichst auf der Grundlage von Simulationsmodellen 
Bessere Kooperations- und Steuerungstechniken 
Eine bessere Bodenordnung. 
Als besonders problematisch erweist sich die dem privaten 
Kaufkraft- bzw. Investitionszuwachs anzupassende Finan- 
zierung öffentlicher Investitionen. Angekündigt wurde 
außerdem der Aufbau eines "brain trust" zur Ausarbeitung 
von Fragestellungen für die zukünftige Stadtforschung. 
Weitere Themen waren: 
Entwicklungstendenzen bei der Wohnraumgestaltung 
(Dipl. Ing. Budde, Präsidialmitglied des BDA) 
Anpassung der Einrichtung an die veränderten Lebens- 
gewohnheiten (Prof. Votteler, TH Braunschweig) 
Soziologische Simulationsmodelle (Prof. Klages, 
TU Berlin) 
Marketing-Tendenzen und die moderne Distribution 
{Dr. Gross, Düsseldorf) und 
Gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen in Wissen- 
schaft und Technik (Prof. Dr. Pascual Jordan, Universi- 
tät Hamburg). 
Podiumsdiskussion und Pressekonferenz zeigten erhebliche 
Diskrepanzen zwischen den auf ausgedehnten Untersu- 
chungen beruhenden Vorhersagen der Wissenschaftler und 
Vorstellungen der Kundenberater auf Einzelhandelsebene 
von Nachfrageproduktion und "Kulturverkauf". Wer sich 
über Maßnahmen zur sinnvollen Zukunftsgestaltung den 
Kopf zerbricht, sollte daher nicht spätestens mit deren 
Publikation in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift 
am Ende sein, sondern Implikationen sowohl durch Ge- 
setzgebung und Verwaltung als auch durch diejenigen 
Branchen bedenken, die immer noch intimsten Einfluß auf 
die Kundenwünsche nehmen. 
ARCH + 2 (1969) H.5
	        
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