keit zur Mikro-Strukturierung physischen Environments
stehen, und sowohl physische Makrostruktur wie auch psy-
chische Empfindungswelt und ethisch-normatives Verhalten
davon maßgeblich bestimmt werden. Diese Gesamtschau
kennzeichnete Referate der Futurologen und Soziologen
(mit Schwergewicht auf methodischen Verfahren und Appli-
kationsschwierigkeiten), der Politiker und Koordinatoren
(die noch recht hilflos auf Unterstützung von allen Seiten
hoffen) und der Marketing-Praktiker, denen jedoch pro-
fessionelle Nachfrageproduktion noch allemal vor Analyse
und Ausrichtung auf prognostizierten wirklichen Bedarf zu
gehen scheint.
Das Grundsatzreferat von Prof. Dr. Haseloff (Lehrst. für
Psychologie, PH Berlin), das wir im Anschluß ganz wieder-
geben, setzte Maßstäbe für eine Umwelt-Erfahrung,
-Analyse und -Prognose, die bei allem Planen einbezogen
werden müssen. Wer bisher meinte, mit Geschoßflächen-
zahlen, Verkehrsdichteberechnungen und Wirtschaftlich-
keitsuntersuchungen im Rahmen technokratischer Modelle
Zukunft simulieren zu können, wird sich von Exkursen in
zunächst irrelevant erscheinende Bereiche nicht abhalten
lassen dürfen, sich der Hilfe der Verhaltens- und Motiv-
forschung in verstärktem Maße zu versichern. Das gilt auch
dann, wenn solche Exkurse die Eigenschaft haben, zu kei-
nen direkten Ergebnissen zu führen oder gleich Realisa-
tionswege zu weisen.
Dieses Dilemma - in Verbindung mit dem Vorwurf mangelnder
Wirklichkeitsbezogenheit des von Planern häufig benutzten
"angelsächsisch Angelesenen" - veranlaßte Prof. Dr. Silber-
mann (Lehrst. und Institut für Soziologie der Massenkommu-
nikation und Kunstsoziologie, Universität Lausanne) in
seinem Korreferat zum Appell an Städtebauer, Planer und
Gesetzgeber, die Soziologen und ihr methodisches Instru-
mentarium zu permanenter Kooperation heranzuziehen. In
der sozialen Verflechtung, die alle Bauwerke relativ kleiner
oder großer Permanenz eingehen, sieht er die soziale Ver-
pflichtung, nicht müßig über das Künstlerische in der
Architektur zu diskutieren, sondern auf das aktuelle
menschliche Verhalten ausgerichtete Benutzungsanalysen.
durchzuführen. An die Stelle der durchschnittlichen Deter-
minierung des theoretischen Publikums und seiner ober-
flächlichen Klassifikation nach äußeren Merkmalen habe
die "Planungssoziologie in bezug auf Benutzungsfaktoren"
ZU treten.
Wie schwierig sich jedoch die produktive Zusammenarbeit
trotz guten Willens auf beiden Seiten gestalten läßt, wird
aus den Forderungen deutlich, die Prof. Frei Otto aus-
sprach. Seine auf der Kenntnis technischer Möglichkeiten
gereiften Visionen, zusammen mit der vergleichsweise
harmlos erscheinenden Förderung nach Schaffung mobiler
Individualbereiche anstelle von Bodeneigentum, stellen
einen Schritt in Richtung auf eine zukünftige Entwicklung
dar, den sich die Projektions-Prognostiker vielleicht noch
nicht so konkret vorstellen. Als bekanntermaßen konstruk-
tiv begabt scheint er den Sozio-Partnern zu dilettieren,
wenn er sich auf Kritik theoretisierender Prognosetechniken
einläßt. - Wer verwirrt hier wen: der Konstrukteur mit
konkreten (und im Falle der Realisation dann ja auch prä-
senten) Projekten die Analytiker und Permanent-Prognostiker,
oder diese den Praktiker mit dem latenten Vorwurf mangeln-
der Systematik in bezug auf sozio-ökonomische Einfluß-
faktoren?
Mit erfreulicher Selbstkritik berichtete Dr. L. Stork (als
Vertreter des BuWo-Bau-Ministers Dr. Lauritzen) von der
Arheit seines Ministeriums an der Lösung kommender Auf-
gaben. Der Katalog geplanter Aktivitäten umfaßt u.a.:
—- Intensivere Stadtforschung
- Durchdachtere Leitbilder für die Stadtentwicklung,
möglichst auf der Grundlage von Simulationsmodellen
Bessere Kooperations- und Steuerungstechniken
Eine bessere Bodenordnung.
Als besonders problematisch erweist sich die dem privaten
Kaufkraft- bzw. Investitionszuwachs anzupassende Finan-
zierung öffentlicher Investitionen. Angekündigt wurde
außerdem der Aufbau eines "brain trust" zur Ausarbeitung
von Fragestellungen für die zukünftige Stadtforschung.
Weitere Themen waren:
Entwicklungstendenzen bei der Wohnraumgestaltung
(Dipl. Ing. Budde, Präsidialmitglied des BDA)
Anpassung der Einrichtung an die veränderten Lebens-
gewohnheiten (Prof. Votteler, TH Braunschweig)
Soziologische Simulationsmodelle (Prof. Klages,
TU Berlin)
Marketing-Tendenzen und die moderne Distribution
{Dr. Gross, Düsseldorf) und
Gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen in Wissen-
schaft und Technik (Prof. Dr. Pascual Jordan, Universi-
tät Hamburg).
Podiumsdiskussion und Pressekonferenz zeigten erhebliche
Diskrepanzen zwischen den auf ausgedehnten Untersu-
chungen beruhenden Vorhersagen der Wissenschaftler und
Vorstellungen der Kundenberater auf Einzelhandelsebene
von Nachfrageproduktion und "Kulturverkauf". Wer sich
über Maßnahmen zur sinnvollen Zukunftsgestaltung den
Kopf zerbricht, sollte daher nicht spätestens mit deren
Publikation in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift
am Ende sein, sondern Implikationen sowohl durch Ge-
setzgebung und Verwaltung als auch durch diejenigen
Branchen bedenken, die immer noch intimsten Einfluß auf
die Kundenwünsche nehmen.
ARCH + 2 (1969) H.5