Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 66, 1910)

XLI 
behandelten sie neuere naturwissenschaftliche Theorien (wie diejenige 
des osmotischen Druckes, gewisser Eigenschaften der Gase, der Salz- 
lösungen u. dergl.) in einfach lehrhaftem Ton und in durchsichtiger 
Klarheit, teils schwierigere allgemeine Probleme wie diejenige der An- 
ziehungskraft, der Energiebegriffe, ja schließlich rein philosophische 
wie die Beziehung zwischen Seele und Leib und in einem besonderen 
Buch die Beziehungen zwischen Philosophie und Naturwissenschaft. 
Wir sehen, welche Vielseitigkeit, welch durchdringender Ver- 
stand und welch gewaltiger Fleiß! lauter Eigenschaften, die er alle 
noch glänzend bis zu seinem Lebensende betätigte, als er vor etwa 
6 Jahren — er war mehrfach an Gelenkrheumatismus erkrankt — 
durch eine schwere Herzkrankheit auf das Krankenlager geworfen 
wurde, von dem er nur wenig aufstand. Jedenfalls schrieb er eine 
Reihe der obengenannten Aufsätze auf seinem Krankenlager und er- 
hielt sich wohl nur durch diese äußerste Schonung seines Körpers 
und seines Herzens, sowie, was für den, der sein trauliches und 
glückliches Familienleben kannte, ganz selbsverständlich ist, auch 
durch die verständige und hingebende Pflege von seiten seiner Gattin 
und der Seinigen am Leben. 
Ende März erkrankte er an einem geringfügigen Katarrh. Am 
24, legte er sich wohlgemut zu Bett, eines seiner Enkelkinder auf 
den morgigen Tag vertröstend, an welchem er wieder munter sein 
werde. Aber das Geschick hatte anders über ihn beschlossen. Ohne 
nennenswerten Todeskampf verschied er am Morgen des 25. März. 
Am 28. März, dem zweiten Osterfeiertage, an welchem eine goldene 
Ostersonne auf die große Trauerversammlung und einen mit Kränzen 
angefüllten Wagen herniederleuchtete, wurde er in Stuttgart auf dem 
Fangelsbachfriedhof beerdigt, in einer Familiengruft des sonst nicht 
mehr benutzten Kirchhofs. Er wurde zu den Seinen gebettet, wie 
er auch im Leben mit den Seinen, die da lebten und mit den Seinen, 
die verstorben waren in nahem Verkehr stand; denn ein überaus 
reger Familiensinn war ihm eigen. 
Und so wie er wahrhaftig in der Wissenschaft war, so war 
er es auch als Mensch. Ich kann mir gar nicht denken, daß CAMERER 
etwas Unlauteres hätte begehen können, mit einem Worte, er war 
auch ein vortrefflicher Mensch. Wir nehmen trauernd von ihm Ab- 
schied und im gewissen Sinn doch auch gehobenen und stolzen 
Herzens; denn gar vieles, was er geschaffen, begleitet uns weiter. 
Er lebt in unseren Herzen, er lebt in unserer Wissenschaft weiter.
	        

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