Objekt: Die Alemannische Mundart

38 A I.Die Umgrenzung durch die Übergangsmundarten 
waldes gelegenen Enz-Neckarlandschaft, die Erstreckung der markgräf- 
lich badischen Herrschaft auf Pforzheim (1220) und die umliegenden Ort- 
schaften steigerte die Verknüpfung der beiderseitigen Landstriche in 
hohem Maße, gleiches Glaubensbekenntnis kam hinzu, die zeitweilige Ver- 
legung der badischen Regierung (bzw. eines Teiles derselben) nach Pforz- 
heim machte die Enzlandschaft zum maßgebenden Teile des badischen 
Gebietes, die Umfassung dieser Gebietsteile durch wirtembergische Ämter 
(einerseits die Ämter Calw und Neuenbürg, andererseits Vaihingen und 
das Klosteramt Maulbronn) zog die Pforzheimer Landschaft in die sich 
dort entwickelnde Sprachgestaltung hinein, die unter wirtembergischer 
Herrschaft eine weitgehend schwäbische wurde. So gelangten über Pforz- 
heim schwäbische Sprachformen in die Landschaft um die Murg und Alb 
und von dieser, und dies in einem verhältnismäßig schmalen und darum 
besonders eigenartigen Streifen, bis an den Rhein. Da nun aber bei einigen 
der sowohl dort als im Enzgebiete sowie weiterhin in schwäbischen Land- 
strichen gebrauchten Sprachformen nicht auszumachen ist, ob sie aus 
letzteren Gegenden an den Rhein gelangten, oder ob sie als Vorstufe ande- 
rer heute am Rhein gebrauchter Formen dort weiterhin herrschten, kann 
auch nur die Verbreitung gewisser zweifellos aus dem Enzgebiete stam- 
mender Sprachformen auf ihre Ursachen hin untersucht werden. Sieht 
man als solches unzweifelhaft aus dem Enzgebiet stammendes Sprachgut 
die vor Nasalen aus den mhd. Weitungszwielauten je-wo hervorgegangenen 
mundartlichen Zwielaute ea-0a, sowie den Gebrauch der pluralen Verbal- 
bildung # an, so ergibt sich am Rheine eine heutige Erstreckung nach 
Norden bis Daxlanden oder Forchheim, nach Süden (soweit erkundet) 
bis Wittersdorf-Rastatt (damit deutlich je bis an den Rand der Über- 
gangsmundart!). So legt sich zunächst die Annahme nahe, daß dieselben 
Ursachen, die den Umfang der Übergangsmundart bestimmten, auch die 
Absetzung des Gebrauches dieser schwäbischen Formen veranlaßten. Da- 
gegen spricht jedoch, daß diese Grenzbestimmung in der Rheinebene den 
durlachischen Teil der Markgrafschaft, der am engsten und andauernd- 
sten mit Pforzheim verbunden war, vom Gebrauche der schwäbischen 
1) Zu diesen von der Enz bei Pforzheim aus bis an den Rhein vorgedrungenen 
schwäbischen Spracherscheinungen ist möglicher, aber einstweilen zweifelhafter 
Weise auch die heute in einem schmalen Streifen bei Durlach erhaltene ei-ou-Aus- 
sprache der vor Konsonanten stehenden mhd, Langvokale i-£ zu rechnen. Diese Aus- 
sprache läßt sich jedoch dort auch als Überrest der den fränkischen ai-au-Zwielauten 
vorausgehenden Vorstufe ei-ouw erklären.
	            		
3. Vom Rhein zum Neckar 39 Formen ausschließen würde. So wird diese heutige Umgrenzung des rhei- nischen Gebrauches der schwäbischen Formen wenigstens in ihrem Nord- teile als Rückzugslinie und ehemals weiter nordwärts reichende Verbrei- tung dieser Formen anzusehen sein, wenn man die ei-ow-Aussprache der altlangen Engevokale i-@ gemäß 8. 38 Anm. 1 nicht zu den aus dem Enz- tale stammenden Lautformen rechnet. Sofern nun aber der heutige schmale Bereich der unzweifelhaft zu den schwäbischen Eindringlingen gehörigen Sprachformen auf Schwund hinweist, macht er die Ursachen der ur- sprünglichen Umgrenzung unauffindbar. Immerhin scheint der Gebrauch dieser Formen zumeist nicht über die fränkisch-alamannische Landes- grenze nach Süden gereicht zu haben !). Besondere Schwierigkeiten bereitet bei diesem Abschnitte die Auf- teilung der Übergangsmundart an die beiden angrenzenden Vollmund- arten, damit die Gewinnung einer die alemannische Gesamtmundart. von der rheinisch-fränkischen Gesamtmundart trennenden Linien- grenze. Keine der sich bietenden Einzellinien erweist sich in jeder Hin- sicht den anderen überlegen, und keine erfüllt die an eine Scheidelinie die- ser Gesamtmundarten zu stellenden Forderungen in vollem Maße. Nach dem Ausscheiden der p/-Linie lassen sich hier für die Wahl zur Gesamt- scheidelinie vier Einzellinien in Betracht ziehen, darunter zwei für den ganzen Bereich des Abschnittes, die übrigen zwei allein für dessen Ost- stück. Jene beiden sind die Scheidelinien der Gegenformen der mhd. Lautgruppen je-wo und 7-4, erstere mit der alemannischen Aussprache als ja-uwo gegenüber fränkischer als z-%, letztere mit alemannisch-schwäbi- scher als ei-ou-Aussprache gegenüber fränkischer als az:-au. Östlich des 1) Wie bei der Beschreibung der Sprachscheiden dieses Abschnittes auf eine ge- hauere Bestimmung des Bereiches dieser in die Rheinebene vorgedrungenen schwä- bischen Sprachformen verzichtet wurde, so muß nun hier auch von dem Versuch einer befriedigenden Deutung dieses Bereiches abgesehen werden. Immerhin sei dar- auf hingewiesen, daß der vorliegende Befund eine erhebliche Verschiedenheit des heutigen Bereiches der einzelnen Eindringlinge zeigt, und teilweise einen sehr schma- len. Die schwäbische Weitung der vor Nasalen stehenden mhd. Zwielaute ie-wo zu &a-0a-Liauten scheint in der Rheinebene auf wenige Ortschaften beschränkt zu sein (zunächst dem Rheine gar auf das eine Dorf Daxlanden). Der schwäbische Gebrauch der Endung-at im Pluralis der Zeitwörter reicht am Rhein von Plittersdorf-Rastatt bis Forchheim hinab, damit ebenfalls auf altfränkischen Boden und fast genau die Breite der Übergangsmundart einnehmend. Hinsichtlich des Anteiles der beiden Markgrafschaften zeigt sich die obere (Badenbadische) nicht minder noch stärker beteiligt als die untere (Badendurlachische), wenigstens wenn man die ei-ou- Aussprache der altlangen Engevokale {-4 gemäß S. 38 Anm. 1 nicht zu den schwä- bischen Eindringlingen rechnet.
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