wir schwer Verständnis aufbringen können.
Wohl, der Kenner weiß darum. Etwa 1922 hat
Essad Pascha ein Programm für die Entwicklung
der Stadt aufgestellt, das Einsicht in die
Probleme zur Grundlage hatte. man fragt sich,
wo ist es geblieben.
Am 15. Oktober 1924, also zur Zeit, als ich
in Stambul arbeitete, bringt der „Tanin’” einen
Artikel zur „Verschönerung‘ der Stadt, dieser
Artikel sagt wörtlich:
„Ich würde damit anfangen, alles was in
Konstantinopel an Bäumen vorhanden ist, zu
fällen. Die Bäume sind melancholisch und verhindern
die Luftzirkulation. Die Platanen sind
zum großen Teil Schuld an unserer Trägheit.
Der Schatten verdüstert.
Und nachher?
Nachher würde ich das so erhaltene Holz
zum Verkauf stellen, das ein schönes Stück
Geld einbringen würde, usw..“
[st mehr denkbar?
Man ist versucht einen Scherz anzunehmen.
Jedoch am 20. 2. 1930 meldet die „DAZ,” aus
Konstantinopel, „In Angora berät die große
Nationalversammlung zur Zeit über ein Baumpflegegesetz,
usw.“ In Konstantinopel aber
nolzt die „zuständige Stelle” die schönen Friedhöfe
ab, Es begann mit dem Zypressenhain,
der den Hügel krönt, auf dem die Deutsche
Botschaft steht. Heute erheben sich dort schon
einige kerzenförmige Mietshäuser — nicht einmal
ein ordentliches Grundstück zu schneiden
versteht die „zuständige Stelle‘ — und runden
das Bild abgefeimter Scheußlichkeit, das Pera
schon seit einem Menschenalter bietet, ab.
Jetzt hat man über Nacht auch die hundertjährigen
Bäume hinter dem Pera-Palast umgelegt.
usw. usw.‘ Ich zitiere lediglich und
brauche nichts dazu zu sagen.
Wohl wäre eine Säuberung der Stadt in dem
von Herrn Dr, Muley vorgeschlagenen Sinne
eine Tat, aber sie hat mit der sterbenden Stadt
nur das zu tun, daß sie mal gewaschen würde;
las ist äußerlich, das sind keine Gedanken zur
Fragestellung,
Die Geschicke der Stadt waren wechselvoll,
ım Laufe der Geschichte wechselte beständig
Blüte mit langsamem Verfall; nicht die Gunst!
ihrer Lage allein ist ein Fundament, der schaffende
Mensch ist es, der Ziele setzt und die
Entwicklung vorwärts treibt.
in einem eingehenden Bericht wurden die
wirtschaftlichen Grundlagen von heute untersucht,
wurde die Frage nach der Existenzfähigkeit
gestellt, die Verkehrsfragen von
Grund auf aufgerollt, in den Plänen ein Verkehrssystem
vorgeschlagen, wie die jetzigen
Nöte beseitigt und das Verkehrsnetz zu einer
rentablen Anlage gemacht werden kann.
Für den Aufbau wurden Zonenpläne gefertigt,
welche der Eigenart Stambuls Rechnung
tragen, Was ist die Folge? An den unmöglichsten
Stellen werden Hochbauten, Mietskästen
hochgetrieben und in einer Haltung erstellt,
die den feinen Maßstab der Kunstdenkmäler
und Moscheen in Grund und Boden schlagen.
Für eine Untergrundbahn lagen phantastische
Projekte vor, die menschenleere Gebiete
berühren und die Verkehrsknotenpunkte meiden.
In den Großstädten der übrigen Welt
‘assen die Untergrundstationen die Brennpunkte
des Verkehrs. Meine Projekte liegen
sicher in Ruhe bei den Akten, dafür werden
Riesenbrücken über das Goldene Horn, ja sogar
Untertunnelungen, nicht genug, Unterwasserverbindungen
zwischen Stambul und Skutari
erwogen, ohne den Gedanken einer Kapitalverzinsung
zu erwägen,
So kann man eben keinen Städtebau treiben,
Projektemachen und Dekorieren sind keine
Ziele. Der Fünfjahrplan der Russen hat ein
Ziel, ihm liegt eine wirtschaftliche Idee zugrunde
und nicht leere Freude am Projektieren.
Meine Bebauungspläne für Stambul schonen
mit Bedacht die spärlichen Reste des noch
vorhandenen Baumbestandes, der alte Friedhof
an den steilen Hängen hinter dem Pera-Palast
mit dem wirklich schönen Zypressenhain ist
ganz selbstverständlich als Park erhalten, was
laraus geworden ist, sagt uns Herr Dr. Muley
selbst. Was soll also die ganze Planmacherei?
Wenn die geistige Haltung sich nicht ändert,
wenn nicht ein verständiger, mit Vollmachten
ausgestatteter Leiter die Geschicke der Stadt
planmäßig gestalten kann, dann werden die Zustände
weiter so bleiben, und alle die gutgemeinten
Vorschläge und alle Bebauungspläne
zu nichts führen, Angesichts all dieser und
noch ähnlicher Vorgänge könnte man wohl
sagen — Stambul ist eine sterbende Stadt.
Läge die Stadt nicht an einem der ausgewähltesten
Punkte der Erde, wäre sie längst gestorben,
Die Byzantiner hatten einen Hafen am offenen
Marmarameer, in „Langa Bostani‘”. Dieser
versandete, verfiel und ist heute Gartenland,
das „Goldene Horn” ist der natürliche Hafen,
wie er von der Natur nicht so gleich wieder
geboten wird, 300 m breit und 6000 m lang.
Ein Hafenprojekt kann man nicht ästhetisch
verteidigen, ein Hafen ist eine wirtschaftliche
Angelegenheit, die darum doch ästhetisch befriedigend
gelöst werden kann,
Kleinere Hafenanlagen in Verbindung mit
der längs der Küste am Marmarameer laufenden
Bahnlinie sind denkbar, sie sind in den Bebauungsplänen
vorgeschlagen, der Welthafen
ist und bleibt das Goldene Horn.
Die herrliche Silhouette der Stadt ist seit
Jahrhunderten vorhanden, wir brauchen diese
nicht erst neu zu schaffen, sie kann ergänzt
werden, aber mit Vorsicht und viel Takt, die
irößte Sorge ist, daß sie nicht zerschlagen wird,
wie an so vielen anderen Stellen, zuletzt in der
Türkei, in Angora.,
Diese eindeutigen Ergänzungen sind nötig,
um falsche Vorstellungen zu vermeiden, und
weil der Kampf um die Probleme dieser Stadt
wichtig genug ist, daß es sich wohl lohnen
Jürfte, die Dinge beim Namen zu nennen. _