Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 76, 1920)

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ein Volk oder einen Staat stark und groß machen. Bei Besprechung 
des Frauenwahlrechts Kam er auf die Verschiedenheit der Anlagen in 
den beiden Geschlechtern zu sprechen und fand dadurch den Übergang 
zu seinem zweiten Thema: „Über sexuellen Dimorphismus“. Unter 
Vorzeigung zoologischer Belegstücke sprach er von den mannigfaltigen 
Verschiedenheiten‘ zwischen den Geschlechtern, die immer mit den ver- 
schiedenen Lebensaufgaben zusammenhängen. Schließlich ging er auf 
die Chromosomentheorie ein, die die Ursachen der Geschlechtsentstehung 
aufdeckt und die merkwürdigen Beziehungen zu erklären vermag, die 
in manchen Fällen zwischen der Geschlechtlichkeit und der Vererbung 
anderer Eigenschaften bestehen. 
In der Besprechung wies Sanitätsrat Dr. W einberg darauf hin, 
daß durch neuere Untersuchungen der Moncax’schen Schule die wichtigste 
der Mendelregeln, die von der reinen Spaltung der elterlichen Erbanlagen, 
in ihrer allgemeinen Bedeutung erschüttert sei und daß dadurch der 
Geltung der Chromosomentheorie gewisse Grenzen gezogen seien, Professor 
Dr. Tischler- Hohenheim fügte sodann einige wertvolle Ergänzungen 
aus dem Gebiet der Botanik an und Prof. Dr. Rauther wies auf einige 
Fälle bei den Fischen hin, in denen entgegen der allgemeinen Regel 
nicht die Männchen, sondern die Weibchen das Hochzeitskleid tragen 
und das Werbegeschäft übernehmen. 
Sitzung am 10, November 1919 
Prof. Dr. Ernst Müller sprach über das Zusammenwirken 
der Bewegungs- und Empfindungsnerven. 
Das Zusammenwirken der beiden Nervenarten erfolgt in zweierlei 
Weise: 1. als Unterstützung der Sinneswahrnehmungen durch‘ Bewegung, 
und 2, umgekehrt als Unterstützung der Körperbewegungen durch die 
Gefühlsnerven. Die erste Art kommt zur Geltung beim Sehen, Tasten und 
Schmecken, Beim Sehen wird durch die Bewegung der Äugen das Gebiet 
des scharfen Sehens, das bei ruhig stehendem Auge eine nur geringe 
Ausdehnung hat, erheblich erweitert ; durch die Bewegungen des Kopfes 
und .des ganzen Körpers wird dies noch weiter gesteigert, namentlich 
aber das räumliche Sehen eigentlich erst recht ermöglicht, jedenfalls 
sehr gefördert, Es werden dahei die Hilfsmittel besprochen, die der 
Maler zur Erzielung der Perspektive verwendet, und wie diese erst zur 
Wirkung kommen, wenn bei Betrachtung des Bildes jede Körperhbewegung 
ausgeschaltet und nur ein Auge zum Sehen verwendet wird, Das Tast- 
gefühl wird durch den Muskelsinn gefördert und ergänzt, insofern der 
Muskelsinn uns über die Stellung unserer Glieder Aufschluß gibt und 
so zusainınen mit dem Tastsinn die Form der Gegenstände auch im 
Dunkeln erkennen“ läßt. "Tast-,, Muskel- und Gesichtssinn zusammen 
dienen dem Raumsinn, Das Gehör hat für diesen keine Bedeutung, da 
keine Bewegungen mit ihm verbunden sind; um so mehr dient es dem 
Zeitsinn. Beim Geschmack im weiteren Sinn” kommen wieder Muskel- 
gefühle, und zwar in den Kaumuskeln, zur Geltung. Da sie über die
	        

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