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Sinndes Gesamtgeschehens sei vielmehr die Steigerung
der Organisationen zu immer höheren Stufen
selbst.
Vielleicht dürfen wir dies so umschreiben: Diesen letzten Sinn vermögen
wir nur ähnlich zu verstehen wie etwa den einer reichgegliederten
klassischen Symphonie oder eines hehren architektonischen Kunstwerks,
— die uns schöpferische Urgesetze offenbaren, denen gegenüber
aber auch die Frage nach dem Zweck ebenso verfehlt, wie jede nur
mechanistische Erklärung unzulänglich ist. .
Gegenwärtig setzt sich weitgehend die Einsicht durch, daß wir Biologie
im Grunde nur als eine Lehre von körperlich - seelischen Ganzheiten
betreiben können; aber auch die, daß Ganzheit nur durch die
Erforschung der Beziehungen der Teile erfaßt werden kann und daß
unsere Erkenntnis nichts an Würde und Tiefe gewinnt durch die Einführung
imaginärer Zweckursachen, Pläne oder „ganzmachender Faktoren”,
Wenn wir mit den noch in unabsehbarem Ausbau begriffenen
mikroskopischen und chemischen Hilfsmitteln in den Feinbau der organisierten
Körper immer tiefer eindringen, und wenn wir immer umfassender
die Feinbeziehungen der Organe aller Grade und der Organismen
untereinander kennen lernen, so weitet und bereichert sich vor
unserem inneren Auge überwältigend und ehrfurchtgebietend das Bild
des geordneten Gefüges der belebten Natur; aber nur um so besser verstehen
wir auch die weise Zurückhaltung Kızımeyers vor Fragen, die
den Naturforscher ins Metaphysische verlocken möchten, In einem von
G. F, JAzGeEr überlieferten Notizblättchen verwies er die Sehnsucht nach
dem Unendlichen auf das „Bild des unendlichen Weltalls‘. Es ist dieselbe
Grundhaltung, die GoEeTtue, der ja Kızsımeyers Schaffen mit Sympathie
verfolgte, die Worte eingab: „Willst du ins Unendliche schreiten,
geh’ nur im Endlichen nach allen Seiten‘, oder, noch entschiedener:
„Man suche nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre“,
Es ist nicht möglich, KıeLmeyYErs reiche Gedankenwelt hier mehr als
durch ein schmales Schlaglicht zu beleuchten. Es ist wohl auch nicht
nötig, nachdem wir in diesen Tagen bereits Grundlegendes darüber gehört
haben.*! Ein bedeutender Teil seiner Niederschriften ist jetzt allgemein
zugänglich geworden (3). Wer sich darin vertieft und dabei berücksichtigt,
daß viele Urteile KıeLmeEyeErs mit ihren erfahrungsmäßigen
Voraussetzungen schlechterdings zeitgebunden sein müssen, wird in ihm
einen Denker von kennzeichnend deutscher Geisteshaltung finden: wohl
auch den kühnen, ideenreichen Romantiker, zugleich aber den unermüdlich
fleißigen, klug, ja bedächtig abwägenden Gelehrten, „auf jedem
Gebiete einen Mann des Ebenmaßes’ (um nochmals mit von MaArrTıus
zu sprechen).
Auch von der Beschäftigung mit den Großen der Wissenschaftsgeschichte
dürfen wir ja im übrigen, so wenig wie vom Studium der
* Vgl. den bei der 31. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für
Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik in Stuttgart gehaltenen
Vortrag von JULIUS SCHUSTER über „KIELMEYER und CUVIER".