Volltext: Württembergische Bauzeitung : Wochenschrift für Architektur und das gesamte Baugewerbe (1905)

WÜRTTEMBERGISCHE BAUZEITUNG. 
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20. Mai 1905. 
Rauschen durch die Felskammer sich ergießt. Das Gefall ist 
hier 140 m, die Wassermenge ca. 1,2 cbm pro Sekunde, die 
Leistung ca. 1800 PS. 
Die Lage der verschiedenen Baulichkeiten bestimmt sich 
aus ihrer mehr oder minder nahen Beziehung zum Tunnel. 
Dem Tunnel nahe liegen also die Ventilatoren, welche die 
frische Luft hineintreiben, dann aber in erster Linie die Bade- 
und Ankleideräume für die Ingenieure und die Arbeiter. 
Hieran schließen sich die Pumpenhalle, die Werkstätten, 
Bureaugebäude, Magazine und Lagerplätze mit zahlreichen 
Gleisanlagen. 
Vom Tunnelportal bis vor die Bade- und Ankleideräume 
ist das Zufahrtsgleis abgedeckt, um die aus dem Innern 
kommenden Menschen gegen die Witterungseinflüsse zu 
schützen. 
Die Leute kommen meist in Schweiß gebadet heraus und 
müssen so schnell als möglich in die schützenden Räume 
eilen, wo sie eine warme Dusche nehmen und sich vollständig 
umkleiden. 
Dicht beim Tunneleingang befinden sich in einem be 
sonderen Haus je 2 Ventilatoren. Sowohl in Brig als in Iselle 
ist jeder Ventilator direkt mit einer horizontalen Turbine ge 
kuppelt. Normalerweise arbeitet nur je 1 Ventilator, die An 
ordnung ist aber derart, daß in Ausnahmefällen auch beide 
zusammen arbeiten und daß sie drückend oder saugend 
wirken können, da sie beide auf einen gemeinsamen Luft 
kanal arbeiten. Jeder Ventilator braucht ca. 250 PS. Die 
nicht im Betrieb befindliche Turbine dreht sich aber doch 
ganz langsam, um so mit größerer Sicherheit stets betriebs 
bereit zu sein. 
Diesen Ventilatoren fällt die überaus wichtige Aufgabe zu, 
den Tunnel mit frischer Luft zu versorgen, ohne die ein 
Arbeiten im Tunnel ausgeschlossen ist. Es ist schon 
einigemal vorgekommen, daß bei mangelhafter Luftzufuhr die 
ganze Mannschaft vom Vortrieb ausfahren mußte. 
Die Luft geht, wie erwähnt, durch den Parallelstollen, 
vorbei an den älteren, durch Türen geschlossenen Quer 
schlägen bis zum letzten Querschlag und tritt dort in den 
Haupttunnel über, durch den sie wieder ins Freie zieht. 
In Brig liegen die Ventilatoren übereinander und können 
leicht beobachtet werden, namentlich der obere, der von einer 
Galerie am Häuschen aus zugänglich ist. Es empfiehlt sich 
aber, Hut und Augenglas gehörig festzuhalten, sonst treten 
sie eine Fahrt in den Tunnel an. 
Auf der Nordseite geht die Luft über die Straße weg in 
einem hölzernen Kanal nach dem Parallelstollen, welch letzterer 
an seiner Mündung eine gut dichtende Doppeltüre hat. Es 
erfordert schon einen gehörigen Kraftaufwand, auch nur eine 
kleine Klappe in der äußeren Türe zu öffnen. In den Luftüber 
gangskanal wird kaltes Wasser eingespritzt zur Luftkühlung, 
auf die ich noch zurückkomme. Hier hatte ich auch Gelegen 
heit, als Vorgeschmack für die eigentliche Tunnelfahrt ein 
Stückchen in den Haupttunnel hineingehen zu können. 
Es sieht da vorne nicht sehr einladend aus, ein ziemlich 
dichter, atembeschwerender Qualm dringt aus dem gähnenden 
Schlund, es herrscht Todesstille, man möchte nicht glauben, 
daß tausend Menschen da drinnen arbeiten. 
Doch zurück zu den übrigen Anlagen. 
Ein lang gestrecktes Gebäude enthält die Pumpen zur 
Lieferung des Druckwassers für die Gesteinbohrmaschinen 
und die Kompressoren, für die Druckluft zum Betrieb der 
Druckluftlokomotiven, eine Anlage zur Erzeugung elektrischen 
Stromes für einen Kran und für Beleuchtung, eine Dampf 
reserve, die allgemeine Reparaturwerkstätte und die Bohrer 
werkstätte. Bei der ganzen Anlage fällt auf, daß die vor 
handene Wasserkraft nicht etwa in einer Zentrale verwertet 
wird, sondern in einer ganzen Anzahl kleinerer Turbinen oder 
Peltonrädern zum Antrieb einzelner Arbeitsgruppen dient. 
Dennoch sitzen die Wassermotoren auf einer gemeinsamen 
Hauptwelle, die durch Kupplungen in verschiedene Abteilungen 
zerlegt werden kann. 
Auf dieser Hauptwelle treiben auch die 3 Lokomobilen, 
die als Dampfreserve dienen. Nur die elektrische Anlage ist 
unabhängig von der Hauptwelle. 
Es sind einschließlich der letzteren und einschließlich der 
Ventilatoranlage 10 Turbinen vorhanden. Eine elfte Turbine 
dient zum Antrieb der Reparatur- und Steinbohrerwerkstätte. 
Auf die vorgenannte Hauptwelle arbeiten zunächst 2 Tur 
binen mit je 600 PS, welche an dieser Stelle 2 Luftkom 
pressoren für die Druckluftlokomotiven und 4 Preßpumpen 
für das Druckwasser der Bohrmaschinen antreiben, dann 
kommen 2 Turbinen ä 250 PS, welche 6 kleine Preßpumpen 
und 2 kleinere Kompressoren betreiben. 2 gesondert an 
getriebene Hochdruckkreiselpumpen, welche Kühlwasser ins 
Tunnelinnere schaffen, sind speziell in Brig in Anwendung. 
Die 3 Lokomobilen haben 60 bezw. 80 PS; sie haben im 
Anfang, bevor die Wasserkraftanlage fertig war, die Betriebs 
kraft geliefert, jetzt dienen sie nur als Reserve. 
Die anschließende Reparaturwerkstätte enthält eine ganze 
Anzahl Spezialmaschinen zur Bearbeitung der Bohrer, von 
denen eine ganz kolossale Menge vorhanden ist, ferner eine 
besondere Prüfstation für die Gesteinbohrmaschinen, die hier 
an einem großen Felsblock probiert werden. 
Die Gesteinbohrmaschinen, System Brandt, besitzen Weltruf. 
Durch ihre große Leistungsfähigkeit wird die Bauzeit der 
Tunnel gegen früher ganz wesentlich herabgesetzt. 
Bei diesen Bohrmaschinen ist Druckwasser angewendet, 
das in verschiedenartiger Weise zur Wirkung kommt. Zunächst 
zum Bohren selbst, indem es den Bohrer in Drehung ver 
setzt und ihn ins Bohrloch hineinpreßt, dann zum Kühlen des 
Bohrers und Ausspülen des Bohrlochs, weiter zum Zurück 
ziehen des Bohrers und endlich zum Festspannen der ganzen 
Bohrmaschine zwischen die Tunnelwände. 
Abb. 4. 
Die eigentliche Bohrvorrichtung (Abb. 4) besteht aus einem 
System von mehreren ineinander geschobenen Zylindern, das 
mittels eines zweizylindrigen Wassermotors unter Verwendung 
von Kurbeln, Schnecke und Schneckenrad gedreht wird. Das 
Schneckenrad ist fest verbunden mit dem äußeren Zylinder. 
Die Innenseite dieses mit dem Schneckenrad sich drehenden 
Antriebzylinders besitzt eine Anzahl in axialer Richtung 
laufender Nuten, in welche die Vorsprünge eines zweiten, in 
ihn hineingesteckten Zylinders passen. Dieser zweite Zylinder 
ist nun über einen mit dem ßohrapparat fest verbundenen 
Kolben geschoben. In diesen Kolben oder Zylinder sticht 
ferner noch eine röhrenartige Verlängerung der hohlen Bohr 
stange hinein, durch die das Kühl- und Spülwasser bis ins 
Bohrloch zu dem ebenfalls hohlen Bohrer vorgetrieben wird. 
Die Bohrarbeit vollzieht sich nun in folgender Weise: 
Der Wassermotor dreht die Schnecke und damit das 
Schneckenrad samt dem äußeren Zylinder. Letzterer nimmt 
mittels der Längsnuten den in ihm steckenden zweiten Zylinder 
mit. Gleichzeitig wirkt aber auch der Wasserdruck in dem 
Raum zwischen dem zweiten Zylinder und dem in ihm 
steckenden, mit der Maschine fest verbundenen Kolben. Da 
durch wird der zweite Zylinder vorwärts gedrückt. Mit diesem 
sich drehenden und vorwärts gedrückten Zylinder ist der 
Bohrer fest verbunden, so daß seine regelmäßige Wirkung 
gesichert ist. Das Zurückziehen des Bohrers erfolgt, indem 
man den Wasserdruck auf die von Innenkolben und Bohr 
zylinder gebildete Ringfläche wirken läßt. 
Die Bohrmaschinen, in der Regel 3 an der Zahl, werden 
auf einen quer im Tunnel liegenden Zylinder aufgeklemmt 
und können beliebig geneigt werden. Zum Wechsel der 
Seitenrichtung sind die Maschinen noch um ein starkes, dicht 
beim Aufspannzylinder liegendes Gelenk drehbar. 
Der Aufspannzylinder selbst ist als hydraulische Presse 
ausgebildet, die einfach zwischen die Tunnelwände eingespannt 
wird. Die Abdichtung der wasserführenden Kolben erfolgt 
durch Ledermanschetten. 
In den Bohrkolben werden, der Bohrtiefe entsprechend, 
Verlängerungen mit Flachgewinde eingeschraubt. In diese 
Verlängerungen wird, ebenfalls mit Flachgewinde, der Bohrer 
eingesetzt. 
Hat das Bohrloch eine gewisse Tiefe erreicht, so wird
	        
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