Stuttgart unter König Friedrich 1810—1811. 206
nur Parterre und eine Galerie enthaltende Saal in einen Schauspielsaal
mit Parterre und 4 Galerien umgewandelt. Erhalten blieben bis
1844 die großartigen untern Räume mit den schönen Süulengüngen
und Hallen, sowie die Freitreppe gegen den Königlichen Schloßgarten.
König Friedrich liebte das Theater, doch fast nur die heitere Gattung,
welche durch Döbelin, Weberling und Vincenz sowie Madame Fosetta
gut vertreten war. Im Heldenfach glänzte Eßlair, 1801, 1807 und
wieder 1816 f. in Stuttgart angestellt; als Sänger Krebs (f 1861)
Löhle, Häser, im Orchester Kreutzer (s. 1812), Krüger, die Brüder
Schuncke. Gespielt wurde am Sonntag, Montag, Mittwoch und Freitag
von 5 bis gegen 8 Uhr, so daß man Sommers nach dem Theater
noch promenierte, Winters aber sich mit Laterne abholen oder von
einer der zahlreich harrenden Mietspersonen heimleuchten ließ, bis seit
dem Wiener Kongreß die kleinen runden Kongreßlaternen zum eigenen
Handgebrauch aufkamen. Den Beifall hatte der König in seinem
Theater sich vorbehalten und niemand durfte wagen, ein Zeichen von
sich zu geben, ehe der Monarch in die Hände klatschte. Sein letzter
Theaterbesuch, wenige Tage vor seinem Tod, galt der großen Sängerin
Catalani.
Der Charlottenplatz an der Stelle des Eßlinger Thors und der
Stadtmauer, die Charlotten- und Dorotheenstraße, das Polygon am
Friedrichsthor, sowie die Kronenstraße entstehen. Die Verblendung aller
alten Gebäude und der neuen, wenn sie ein Jahr stehen, wird geboten.
Die Stadt wird in 4 Distrikte geteilt, die Straßen neu benannt, ein
Stadtdirektor statt des bisherigen Obcramtmanns eingesetzt, eine Straßcnpolizei-Ordnung
für St. und Ludwigsburg erlassen. Der Graben in
der Eberhardsstraße wird aufgefüllt, der „Käs" genannte Richtplatz
abgebrochen.
Die 1669 gebaute Orgel in der Stiftskirche wird entfernt und
die Orgel des Klosters Zwiefalten von 64 Registern und 6384 Pfeifen
auf einer neuen Emporkirche im Chor aufgestellt.
Das Königsbad wird am 1. Juni eröffnet, bei ihm die Retraite,
König Friedrichs Lieblingsaufenthalt in seinen letzten Jahren, gebaut;
am 1. Oktober die katholische Kirche zum St. Eberhard eingeweiht.
Die Herbstmesse wird aufgehoben, dafür die Mai- und Weihnacht-Messe
auf 14 Tage verlängert.
1811 war ein in Witterung und Fruchtbarkeit ausgezeichnetes Jahr, das sehr
viel und sehr guten Wein, nach einem in, September erscheinenden Kometen
„Kometenwein" genannt, zeitigte.