Full text: Konstruktion und Gestaltung großer Geschoßbauten in Eisenbeton

Mittel, die nur in vollkommener Zweckmäßigkeit, Ökonomie und material- 
gerechter Verwendung dem Sinn des Bauwerkes dienen können. Sie führt 
auch leicht indirekt zum Erstarren der Ausdrucksform selbst gegenüber einem 
dahinter versteckten, sich wandelnden Inhalt. So entstehen z. B. Bauwerke, 
bei denen starke Tragskelette, dem neuzeitlichen Bedürfnis entsprechend, die 
tragende Funktion der Mauern übernehmen, ohne daß die Ausdrucksform des 
Steinbaues verlassen und die neue sinnvolle Struktur zu einem adäquaten 
Ausdruck geführt ist. Generationen von Hochbauingenieuren haben diesem 
diktatorischen Ausdrucksprinzip ihre sinnvoll abgewogene und berechnete 
Konstruktion zwangsmäßig angepaßt und dienstbar gemacht. 
Auf dem Wege der Diktatur des gewollten Ausdruckes befindet sich nicht 
nur ein Teil der akademischen historischen Baukunst. Wir begegnen auf ihm 
auch einem Teil der modernen Baugesinnung, die ihren Werken den Ausdruck 
neuer Sachlichkeit geben will. Indem die Ausdrucksform verstandesmäßig oder 
vefühlsmäßig den allgemeinen sachlichen Formen unseres vorwiegend technischen 
Lebens entnommen wird, wird durch diesen vorgefaßten Ausdruckswillen viel- 
fach der eigene sachliche Sinn des Bauwerkes, seine Zweckmäßigkeit, Ökonomie 
und materialgerechte Ausbildung in den Hintergrund geschoben oder ver- 
gewaltigt. Walter Kurt Behrendt formuliert in seiner Schrift: „Der 
Sieg des neuen Baustils‘“ diese im Grund diktatorische Baugesinnung unzwei- 
deutig (S. 60): „Eine Baukunst, die ein lebendiger Bestandteil unserer Zeit 
sein soll und ein wahrheitsgetreuer Ausdruck unseres neuen Lebensgefühls, 
kann nicht anders aussehen, kann nicht wesensanders sein als unsere Maschinen, 
unsere Apparate, unsere Flugzeuge und Automobile.“ 
Wenn jedoch, um ein Beispiel zu nennen, Wohnbauten von Le Corbusier 
das Aussehen von sachlich konstruierten Schiffskommandobrücken, Luftschiff- 
gondeln oder D-Zugswagen zeigen, so kann anderseits der unbefangene Ingenieur 
ein Wachstum dieser Häuser aus der sinngemäßen Verwendung der Baumittel 
nicht feststellen, während jene technischen Gebilde diese Forderung wirklich 
erfüllen. 
Wenn dieser Weg der Diktatur des Ausdruckswillens nicht zur vollwertigen 
Gestaltung führt, so bleibt ein zweiter: den Ausdruck aus der sinngemäßen 
Verwirklichung des Bauzweckes und aus der sinngemäßen Verwendung der 
Baumittel abzuleiten. 
Eine moderne Schnellzugslokomotive, ein erstklassiges Automobil, eine weit- 
gespannte Brücke und zahlreiche andere Industrieerzeugnisse scheinen zu 
zeigen, daß eine streng und bis ins Kleinste auf Zweckmäßigkeit gerichtete 
Durchbildung nahe an die künstlerische Gestaltung heranreicht. Auch der 
Industriebau von heute, bei seiner reinen, relativ einfachen und klaren Zweck- 
setzung und ungehemmten Verwirklichung der Zwecke, hat Gebilde von großer 
Reife hervorgebracht (amerikanische Silobauten usw.). Je mehr Leistungs- 
anspruch und Zwecksetzung sich präzisieren und verstärken, desto mehr scheint 
das Gebilde, gleichsam aus innerem Triebe, seiner Gestaltreife entgegenzu- 
wachsen. 
Der beinahe metaphysische Glaube an eine letzte Übereinstimmung von 
Zweckhaftigkeit und Gestaltreife ist jedoch, wie jeder Ingenieur mit einiger
	        

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