Volltext : Die St. Johanneskirche zu Gmünd (Bd. 6)

[4 Die Johanneskirche in ihrer Bedeutung für die schwähische Kunst

Formen. Zweifellos hat die Tätigkeit wandernder lombardischer Steinmetzen
 zur Ausbreitung dieser bilderreichen Formenwelt außerordentlich
viel beigetragen; sie wäre aber doch nicht in diesem Umfang möglich
zvewesen, wenn nicht der alte Sagenkreis im Volke selbst lebendig geblieben
 wäre und in der zähen Beharrlichkeit der Landbewohner neue
Nahrung gefunden hätte. In kluger Sehonung hat die Kirche dieser
Strömung Rechnung getragen und sie im Sinne der Vertiefung des
Christentums zu verwenden gewußt.
Robert West schreibt in seiner „Kunst der romanischen Periode‘
über diese eigenartige, im 12. Jahrhundert beginnende Erscheinung folvendes:
 „Die alte Kampfeslust ist wieder erwacht und die Angst vor
Junkel wirkenden Urkräften eint sich mit ihr. Der germanische Grüblersinn,
 der deutsche Ernst ahnt im Christentum (ieheimnisse, die nicht
lurech die klassische Formengehbung der Lateiner zu lösen sind. Ks kommt
in das Kunstschaffen der Deutschen ein dämonischer Zug, die alten
(jötter tauchen auf, spukhaft, wie böse Mächte, Vorstellungen, die tief
verborgen auf dem Grunde der Volkssage geruht, heben von neuem das
Haupt. Es erinnert sich wieder an die Sagen seiner Vorzeit, die Nibe-‘ungen
 stehen auf in unverwelkter Kraft und im deutschen Waldes-'aunen
 die alte Mythe von Riesen und Zwergen.“
Gewiß liegt nun auch in der Gründungssage der Johanneskirche, wie
in den meisten heute noch lebendigen Sagen, ein Wahrheitskern verborzen,
 und uns scheint, als ob die liebliche Sage uralte Ahnungen in verhülltem
 Kleide den späteren Geschlechtern überliefere. Nach ihr hat
Herzogin Agnes®), die einzige Tochter Kaiser Heinrichs IV. und Gemahin
 Herzog Friedrichs von Staufen (gest. 1105) auf der Jagd im Talyrund
 der Rems ihren Ehering verloren. Sie gelobt, bei Wiedergewinnung
 des glückverbiürgenden Ringes eine Kapelle zu stiften. Im Geweih
nes Hirsches findet ein Jäger den Ring, der der beglückten Herzogin
rebracht wird. Diese alte Gründungssage gibt ein Bild®*) des Gmünder
Malers Joh. Georg Heberlen vom Jahre 1670 wieder, das im Chore der
Kirche hängt und für die (Gmünder Ortsgeschichte auch wegen der
'andschaftlichen Umrahmung, der alten Burgen auf dem Staufen, Rechberg,
 Lorch und Waldhausen von Interesse ist (Abb. 6). Die darunter anvebrachte
 Inschrift gibt nicht nur eine Wiedergabe der alten Sage, sondern
 auch eine Aufzählung der auf dem Bilde wiedergegehenen Stätten.
Es ist begreiflich, daß früher schon die Jagdszenen des Turmes und der
*) Nach der Oberantsbeschreibung v. 1870 stand über dem Triumphhogen die erst
später angebrachte Inschrift: „Invento Agnetis annulo Laureacenses posteritati me
odificaverunt“ (Am Platze, da Agnes’ Ring gefunden ward, haben Lorcher Mönche
mich erbaut).
%) Das Bild hat die Größe von 112X154 em.
            
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