Die Johanneskirche in ihrer Bedeutung für die schwäbische Kunst 17
durch größere Neubauten verdrängt wurden. Diese Beibehaltung der
ursprünglichen Kultstätte bogründet einerseits die Seltenheit ältester
Heiligtümer, andererseits aber auch manche zunächst rätselhaften Formen.
Mancherorts wurde an der Stelle altgermanischer oder römischer
Kultstellen eine christliche Kirche gebaut, einerseits, um die am Platze
befindlichen behauenen römischen Steine zu verwerten, andererseits aber
auch, um dadurch den Sieg des Christentums über die heidnischen Gottheiten
in den Augen des Volkes zu betonen. Als Beispiele solcher römischer
Grundlagen dürfen in der Gmünder Gegend die Kirchen in Unterkochen,
Straßdorf, auch Stadtkirche und Kloster Lorch gelten.
Die Gmünder Johanneskirche in ihrer heutigen Anlage ist nach
(iröße und Form die bedeutendste einer Gruppe altertümelnder Bauten,
die sich im Rems-, Fils- und Brenztal befinden. Sie ist aher nicht nur
die bedeutendste, sondern auch die früheste dieser Gruppe, von welcher
der Weg über Faurndau nach Brenz, der auch kirchlich zu Faurndau
gehörenden Klosteranlage, führt. „Die Gmünder ‚Johanneskirche ist ein
Hauptbeispiel des wurzelechten Spätromanismus, der von der aus Frankreich
kommenden, den deutschen Westen schon in Gärung versetzenden
neuen Stilbewegung nichts weiß.“ (Dehio, Handhuch der deutschen
Kunstdenkmale, Bd. IIT.)
Die Frage nach dem Bauherrn der Kirche ist ungelöst. Stadtpfarrer
Pfitzer hat in seinen eingehenden „Scheren“forschungen,!!) welche sich
auf die Wappen an zwei Portalen der Johanneskirche gründen, die Anschauung
vertreten, daß als Gründer ein Walter, Sohn des Pfalzgrafen
Manegold von der Alb, anzunehmen sei. Pfitzer ging dabei von der für
ihn feststehenden Tatsache der Erbauung der Kirche im 12. Jahrhundert
aus.
Nachdem aber durch die heute mögliche Formenanalyse feststeht,
daß das Gotteshaus erst der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts angehört,
fällt natürlich diese Annahme weg. Auch die Vermutung Haßlers,
den Bau einem Grafen von Dillingen, dem Bischof Hartmann, zuzuweisen,
welcher 1249.86 auf dem Augsburger Bischofstuhl saß, kommt
nicht in Betracht. Man wird den Baubeginn auf 1210—20, das Ende der
Bauzeit am Turme mit 1250 annehmen dürfen.
Die „Schere“ findet sich das eine Mal am Südwestportal zur Seite
einer sitzenden Abts- und Bischofsfigur, deren Kopf abgebrochen ist,
das andere Mal unter einem Mönchskopf über dem staufischen Löwen
an einem der Südportale (vergl. Abb. 46 und 49). Die Annahme einer
vom Augsburger Bistum geförderten Gründung fällt wohl auch wegen
12) Pfitzer. Die Johanneskirche in Gmünd und Bischof Walter TI. von Augsburg.
Stuttgart, W. Kohlhammer, 1889. Manuskript in der J. Erhardsehen Altertums:
sammlung.