PUPPENSCHUPPEN in Aktion: mit Puppenmöbeln, Spielfiguren und selbstgebauten Einrichtungselementen können die Mitspieler Bedürfnisse und Kon-
flikte darstellen und experimentieren. Mit kulissenartig aufgebauten Fassaden im gleichen Maßstab ( mit großen Fotos von Häusern aus dem Viertel be-
klebt ) können Straßenraum— und Hof—Spielflächen gebaut werden.
so verstehen wir unter
a) der ökonomischen Dimension: Archi-
tektur als Ort und Gegenstand der Kapital-
verwertung,
b) der sozialen Dimension: Architektur
als Organisator für Lebens- und Gebrauchs-
weisen und
c) der kulturellen Dimension: Architektur
in ihrer Bedeutungsfunktion für die Lebens-
weisen ihrer Nutzer.
Wenn Architektur als politisches Medium
einen Beitrag zur Unterstützung von Basis-
interessen leisten soll, muß die Diskussion
um die Realisierungschancen und -bedin-
gungen dafür unter Einbeziehung der gesell-
schaftlichen Funktion von Architektur ge-
führt werden, d.h. sämtliche Dimensionen
müssen unter den Begriff Architektur sub-
sumiert werden; dies bezeichnen wir als
‘erweiterten Funktionsbegriff‘ von Archi-
tektur. Hierbei taucht die Frage auf, wel-
che der verschiedenen Dimensionen von
Architektur Ansatzpunkte für eine alterna-
tive „politische Berufspraxis‘‘ bietet. Um
dieser Frage näher zu kommen, und unse-
re Ausgangsthese zu begründen, daß nicht
die Tauschwertseite als ökonomische Di-
mension von Architektur, sondern ihre
Gebrauchswertseite als ästhetisch-Kultu-
reile Dimension primär Ansatzpunkte für
eine politische Arbeit mit der Architektur
als Medium 28) bietet, wollen wir den Pro-
duktionsprozeß von Architektur etwas ge-
nauer betrachten. Dabei kommt es uns vor
allem auf die wechselseitigen Beziehungen
der verschiedenen Dimensionen von Archi-
tektur in ihrem Produktionsprozeß an.
2.1.2 Der Produktionsprozeß von
Architektur
„In Wahrheit ist das, was im Bauwesen
gegenwärtig vorgeht, nicht eine Sache des
Geschmacks und der Mode, sondern eine
gesellschaftliche Gesamterscheinung, in
der Faktoren der allgemeinen Wirtschafts-
lage, der Finanzlage, der Technik, der Pro-
duktionsmethoden in Baustofferzeugung
und Baugewerbe, der kommunalen Ent-
wicklung der Gesellschaftsstruktur, der so-
zialpsychologischen Entwicklung, des Klas-
senkampfs und schließlich der Kunst zu-
sammenwirken.“ 29)
Diese These von A. Schwab trifft auch
heute noch auf die Architektur zu. Jedoch
ist im gegenwärtigen Bauwirtschafts-Funk-
tionalismus die Gebrauchswertfunktion
der Architektur lediglich auf ihren. ökono-
mischen Zweck, nämlich Ort der Reproduk-
tion des abstrakten Lohnarbeiters zu sein,
reduziert. Die bewußte Veranschaulichung
und Verdeutlichung der sozialen und kul-
turellen Dimensionen von Architektur, ei;
nerseits Organisator für bestimmte Lebens-
weisen zu sein, und andererseits, diese Le-
bensweisen der Subjekte über ästhetisch-
kulturelle Formenzeichen und Bedeutungs-
gehalte zu vermitteln, ist heute nicht mehr
Gegenstand des Produktionsprozesses von
Architektur. Um die Beziehungen zwischen
den Dimensionen von Architektur bestim-
men zu können, müssen wir den Produk-
tionsprozeß von Architektur, dessen Re-
sultate ja durch die verschiedenen Dimen-
sionen definiert sind, näher betrachten.
Der Produktionsprozeß von Architek-
tur kann in drei verschiedene Phasen un-
terteilt werden:
Phase | : Konzeptionsbildung („„Entwurf”‘)
Phase I! _: Materielle Realisation (Baupro-
duktion)
Phase II _: Gebrauch und Aneignung der
Architekturen durch die Nut-
zer („konsumtive Produktion‘‘)
Innerhalb dieser Phasen haben die ver-
schiedenen Dimensionen und damit die ge-
sellschaftliche Funktion unterschiedliche
Gewichte. Der verkürzte ökonomistische
E
Cr
Funktionsbegriff setzt Architektur mit Pha-
se II „Bauproduktion“‘ gleich; inwiefern
kann man der Architektur nun einen ‘er-
weiterten Funktionsbegriff‘, also eine ge-
sellschaftliche Funktion beimessen? In der
Tat unterliegt die materielle Realisation
von Architektur den herrschenden Produk-
tionsverhältnissen und wird bestimmt
durch die Verfügungsgewalt über die Pro-
duktionsmittel. Jedochgilt dieses deter-
ministische Verhältnis nur eingeschränkt,
in nicht so widerspruchsloser Weise für
die Konzeptionsphase und die Phase der
Aneignung und des Gebrauchs durch die
Nutzer, was jedoch nicht ausschließt, daß
die Restriktionen der unmittelbaren ma-
teriellen Realisation sowohl auf Phase |
als auch auf Phase Ill rückwirken können.
So ist auch ein umgekehrtes Abhängig-
keitsverhältnis zwischen den Dimensionen
denkbar und realistisch, vor allem dann,
wenn die ökonomische Entwicklung zu
Schranken der Kapitalverwertung geführt
hat: so kann z.B. eine geringere Nachfrage
nach Wohnraum, der den Bedürfnissen der
Subjekte nicht mehr entspricht, zu quan-
titativen und qualitativen Veränderungen
der unmittelbaren Baüproduktion und der
Konzeption führen. Weitere Zweifel an der
Richtigkeit des ökonomistischen Determi-
nationsverhältnisses begründen sich daraus,
daß die Resultate der materiellen Realisa-
tion von den Subjekten angeeignet und in
ihrer Gebrauchsweise verändert werden.
Zwischen den verschiedenen Phasen
der Produktion bestehen somit nicht ein-
seitig ökonomisch bestimmte Abhängig-
keiten und Determinationen, sondern
wechselseitige, der widersprüchlichen Be-
wegungsform des Kapitals entsprechende
Bedingungsverhältnisse aller Phasen unter-
einander. Richtig ist, daß die Produktions-
verhältnisse bestimmte Ideologien und da-
mit bestimmte kulturelle Momente hervor-
ARCH+ 30,8. Ja.