Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Mitteilungen der Württemberg. Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1918, Bd. 13, Heft 1/12)

man dem Verkehr ein sinnloses Opfer gebracht hat. —
Das abgebildete Wohnhaus stammt aus dem Entwurf
zu einer Siedelung, wie sie nach dem Krieg von einer
größeren Fabrik für einen Teil ihrer Arbeiter ausgeführt
werden soll. Der Entwurf bietet das Bemerkenswerte,
daß sich der Grundriß aus der Lage des Bauplatzes heraus
insofern vorteilhaft entwickeln ließ, als die von dem Werk
erworbenen Grundstücke sämtlich an einem gegen Suden
abfallenden hang liegen und deshalb die Wohnräume,
wie erwünscht, in zwangloser Weise auf die sonnigste Seite
gelegt werden konnten, da diese Seite zugleich die schönste
Aussicht bietet und gleichzeitig die Hauptansicht der einzelnen
häuser bilden wird. In Unlehnung an ländliche Vor⸗
bilder ist von der Anlage eines eigentlichen Slures ab⸗
gesehen. Der Vorplatz, durch einen Windfang zugänglich,
ist vielmehr gleichzeitig als wohnküchenartiger Raum aus—-gebildet.
 Er soll neben dem Wohnzimmer den Haupt⸗
aufenthaltsraum der Familie bilden. Die Kochgelegenheit,
die er erhalten soll, be⸗
steht aus einem ver⸗
schließbaren Kochofen
und einem Gas anstoß
Auf die Verschließ⸗
barkeit des Koch⸗
ofens wird besonderer
Wert gelegt, da sie die
Kochdünste möglichst
unschädlich machen
soll. Für alle Schmutz⸗
arbeiten ist in einem
niederen Anbau eine
Spũl⸗und Waschküche
mit besonderem Aus⸗
tritt zu dem hinteren
Gartenteil vorge—
sehen. Gleich zeitig
joll dieser Anbau
noch ein als Stall
denutzbares Gelaß
aufnehmen. Das
S5chlafzimmer ist auf
besonderen Wunsch
etwas größer ange⸗
nommen als üblich,
da erfahrungs gemäß
mit umehmenden
Enge der Behausung in dem Schlafzimmer oft mehr unter⸗
gebracht werden muß, als was an sich hineingehört.
Dor dem Eingang ist der Winkel zwischen eigentlichem
Hhaus und Slägelanbau als terrassierter Vorplatz aus⸗
gebildet. Da er sich gegen Südwesten öffnet, dürfte er
als windgeschützter Sonnenfang einen besonders angenehmen
Aufenthaltsort geben, zumal von ihm aus eine pracht⸗
V Abesiht auf ein agg Gebirge sich erschließt.
ber die Ausbildung des Dach—
Der Sockel. vorsprunges beim Kleinhaus war
in einigen der letzten Nummern unserer Mitteilungen be—
reits die Rede. Das Gegenstück der Traufe, der Sockel,
verdient nicht weniger unsere Beachtung, wenn wir uns
vergegenwärtigen, wie und wo wir unsere kleinen Wohn—
hausbauten schmückend ausgestalten wollen.
Der Sockel als Basis für den Hauskörper und mit ihm
das architektonisch ausgebildete Sockelgesims zählt durch⸗
aus nicht zu den seit alters üblichen baulichen Gepflogen⸗
heiten, vielmehr kann man verfoigen, daß der Sockel bei
uns erst mit der Nachahmung italienischer Renaissance—
Architekturen bei den aufwändigeren Bauten der Städte
und Fürsten Mode ward und äillgemeiner erst mit dem
Barock, also frühestens seit 300 Jahren, sich einbürgerte.
Vorher standen die Bauten. bürgerlicher wie bäuerlicher

Art, gewissermaßen wie aus der Erde hervorgewachsen,
hne vorspringenden Sochel auf dem Gelände. Ein Blick
n eine halbwegs altertümliche Straße läßt uns dies noch
heute erkennen. Die Regel war ein meist ganz ebenerdig
iegendes massives Untergeschoß, das bei hügliger Lage
jegen rückwärts halb in den Hang hineingebaut war und
hort zum eigentlichen Kellergeschoß wurde, sonst aber nur
ils Wirtschaftsgeschoß diente, dessen Mauern ohne betonte
)erstärkungen und Absätze, ohne irgend welche Art von
»ockelgesimsen so in die höhe geführt waren, wie man sie
n den Sundamenten angelegt hatte. Das darüberliegende
Wohngeschoß war dann nicht zurückgesetzt, sondern sprang
als Sachwerksbau meist mit einem kräftigen Überstand
iber das untere Mauerwerk vor. Was auf diese Weise
nit den nach oben immer weiter vorkragenden Stockwerks⸗
rufbauten entstand, war ein breit ausladendes, gewisser⸗
naßen wie eine Pflanze sich aufwärts entfaltendes Ge⸗
ilde, dessen Bodenständiqkeit noch heute unser Auge erfreut.
Für das archi⸗
tektonisch gegliederte
haus der Renaissance
und des Barocks da⸗
gegen schuf man sich
mit der Anlage eines
Kellergeschosses, das
zum Teil sichtbar
über das Erdreich
herausragte, eine
Basis, eine neutrale
Plattform sozusagen,
die man nach oben mit
einem kräftigen Ge⸗
ims abzuschließen
oflegte und auf der
dann, unabhängig
oon den Zufällig⸗
keiten einer unregel⸗
mäßigen Umgebung,
man das Haus in
um so regelmäßiger
wirkender Gliede⸗
rung aufbaute. War
dorher der Eindruck
'ast der eines natür⸗
lichen Gebildes, so
haben wir hier mit
dewußter künstlerischer Uberlegung errichtete Bauwerke vor
ins, an denen ein Sockel eine selbstverständliche Gliederung
gleicherweise darstellt, wie das von jener Zeit an in immer
neuen Variationen ausgebildete Hauptgesims.
fus dem Gesagten geht hervor, daß das Sockelgesims
im Gegensatz zur Traufe keine aus dem KHufbau eines
dauses sich ergebende, zu schmüchender Ausbildung von
elbst Anlaß gebende Übergangsstelle, keine „Naht“ be—⸗
»eutet, wenn man so sagen will, sondern daß vielmehr
er Sockelvorsprung, wie die Baukunst früherer Seiten
»eweist, ohne Schaden für die gute Wirkung des
Zauwerks sogar ganz wegfallen kann, so gut entbehr⸗
ich wie die anderen Gesimse alle in Höhe der Fensterbänke
dder zwischen den einzelnen Stockwerken. Das Sockel⸗
gjesims ist ein rein architektonisches Mittel! Als solches
nuß es am Kleinhaus mit besonderer Vorsicht angewandt
verden, denn an diesem soll nichts Platz haben, was den
Wert des hauses nicht steigert und erst recht nichts, was
den Wert des Hauses mindert.
Für das Kleinhaus aber ist das Sockelgesims nicht nur
in vielen Fällen ganz entbehrlich, sondern es ist unter Um⸗
tänden auch schädlich und unschön.
Unschön ist es dann, wenn es die Bodenständigkeit,
die wir gerade an alten sockellosen Bauten bewundern.

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Wohnhaus für einen Meister. Erdgeschoß.

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