Hilfe der Zerstörung Arbeit leistet. Der Gentleman
rekrutiert sich aus dem Bauernstand. Der Bauer leistet
nur zerstörende Arbeit. Wenn die Arbeit noch so nied—
rig ist, wenn die Arbeit die gemeinste, die ordinärste
Arbeit ist: eine Gloriole strahlt um den Menschen,
der diese gemeine, ordinäre Arbeit leistet. Der Mann
im Bergwerk, der von der Sonne abgeschlossen ist und
die niedrigste Arbeit verrichtet, er nimmt den Spaten
und gewinnt von der Mutter Natur Stück auf Stück,
ob es nun Erz, Salz oder Kohle ist. Besonders in
der deutschen Dichtkunst ist der Bergmann unter allen
übrigen Ständen geadelt. Die Franzosen haben diesen
poetischen Nimbus nicht in ihrer Dichtkunst. Als aber
Jean Jaurès sein Ehrengrab im Pantheon in Paris
bekam — zufälligerweise bin ich dabei gewesen —, da
holten die Leute — Jaurès stammte aus einem Berg⸗
arbeiterdistritit — Bergarbeiter aus seiner Heimat.
Hunderte von ihnen trugen den Riesenkatafalk von
der Deputiertenkammer über den ganzen Boulevard
St. Germain hinüber zum Pantheon. Es war ein
Katafalk von vielleicht 10 m Höhe, in einer Größe
wie dieser Saal hier. Die Bergarbeiter trugen den
Katafalk, kein Pferd war zu sehen. Die Leute gerieten
in Raserei ob dieser merkwürdigen Prozession. Es war
wohl einer der größten und schönsten Volksausbrüche,
die es gab: Die Luft war erfüllt von dem Geschrei der
Millionen Pariser, die da riefen: „Nieder mit dem
Krieg!“ Aber es waren Bergarbeiter, und keine
Schneider und Schuhmacher.
Der Bauer, aus dem sich der Adel rekrutiert, fügt
der Erde Wunden zu mit seinem Spaten oder mit
seinem Pflug; er sät, indem er verschleudert, und er
erntet mit Hilfe der ewigen Natur, ohne als Auf—
bauer etwas dabei zu tun, mit Sichel und Sense.
Wer von Ihnen hätte noch nicht zugesehen, wie einer
mäht, und es hätte ihn nicht die Lust ergriffen, auch
eine Sense in die Hand zu nehmen und für gar kein
Entgelt mähen zu helfen. Wer hätte nicht die Lust
empfunden, einen Spaten in die Hand zu nehmen
und hineinzustechen, oder einem Straßenkehrer den
Besen aus der Hand zu nehmen und selbst wegzu—
kehren? Wen hätte nicht die Lust ergriffen, irgend
etwas zu demolieren? Der Maurer — ein Beruf, dem
auch ich ordnungsmäßig durch Freibrief angehöre — hat
nur dann schöne Tage, wenn er die Spitzhacke ein—
haken und mit voller Kraft zutreten darf, um zu zer⸗
stören. Wenn es 12 Uhr pfeift oder geläutet wird, dann
legt der Maurer den Ziegel, den er in der Hand hat,
wieder zurück, aber der Mann, der die Spitzhacke ein—
gehauen hat, kann von keinem Zuruf seiner Kame—
raden davon abgehalten werden. Die andern sind
schon in der Kantine beim Essen, aber er muß noch
dort bleiben, bis das Stück Mauer seiner Kraft ge—
wichen ist. Der Schneider nimmt die Schere und
schneidet zu. Das ist der edle Teil seiner Arbeit, der
menschliche Teil seiner Arbeit. Nach dem Zuschneiden
des Stoffes kommt die unangenehme, mühevolle, anti—
menschliche Arbeit, das Aufbauen, das Nähen. Wir
wissen, daß es heute Zuschneider und Näher gibt. Der
Zuschneider hat dank seiner zerstörenden Arbeit eine
gesellschaftliche Position, der Mann, der mit gekreuzten
Beinen auf dem Schneidertisch sitzt und nur näht, hat
sie nicht. Was habe ich beschrieben? Den Anfang der
Arbeitsteilung. Durch diese werden ganze Klassen
von Menschen verurteilt, nur aufbauende Arbeit zu
leisten. Diese Menschen werden geistig und seelisch
zugrunde gehen müssen.
Der Vater, der den Kindern ihren Spielplatz zer—
törte, war von dem Drang erfüllt, den Menschen in
ich zu retten.
Nun ist es wohl natürlich, daß man dem Schreber—
zärtner die Möglichkeit gibt, in möglichster Nähe des
Bartens zu wohnen, d. h. daß man ihm die Möglich-'eit
gibt, dort sein Wohnhaus zu bauen. Ich komme
adurch zu einer merkwürdigen Forderung. Nicht jeder
Irbeiter hat das Recht, Haus und Garten zu besitzen,
ondern nur derjenige, der den Drang dazu hat, diesen
ßarten zu bebauen. Sie werden vielleicht einwenden,
varum ich so streng bin und meine, daß ein Arbeiter
cicht auch einen kleinen Luxusgarten besitzen soll, in
»em Rosen stehen und Rasenflächen. Ich würde mich
segen den modernen Geist versündigen, wenn ich nicht
agegen auftreten würde. Rousseau, der modernste
Mensch des 18. Jahrhunderts, beschreibt in seinem
Erziehungsroman „Emile“, wie die Jugend von heute
— also vor 150 Jahren — erzogen werden soll. Dieser
knabe Emil bekommt einen Lehrer, der ihn erzieht
iuf die modernste Art und Weise. Uns mutet eine
olche Erziehungsweise lächerlich an, weil es nach
nodernen Begriffen unmöglich ist, jedem Knaben einen
sofmeister zu geben. Kinder sollen in einer Schule
interrichtet werden, und wer seine Kinder außerhalb
er Schule unterrichten läßt durch eine Einzelperson
der vielleicht 2, 3 oder 4 Personen zu gleicher Zeit,
hersündigt sich gegen den modernen Geist. Der moderne
Beist ist ein sozialer Geist, und der unmoderne Geist
st ein antisozialer Geist. Ganz genau so kann die
Freude an der Natur nicht vom einzelnen Besitzer des
zartens gelöst werden. Wir sind nicht imstande, jedem
inzelnen Menschen einen Garten oder Baum zuzu—
oeisen. Genau so, wie die Kinder in die Schule zu
jehen haben, hat sich der Mensch an der freien Natur
zu erfreuen. Er hat in einen gemeinschaftlichen Park,
n eine gemeinschaftliche Baumschule zu gehen. Daher
t der Besitz des Einzelgartens antisozial. Das sind
Vorte, die eine Zuhörerschaft von heute nicht ganz
»egreifen wird, die aber in 50—60 Jahren so allge—
nein sein werden, daß man gar nicht darüber spricht.
Wer Revolutionen vermeiden will, wie ich, wer Evo—
utionist ist, soll ständig daran denken: Der ein—
zelne Besitz eines Gartens muß aufreizend wirken,
ind wer da nicht Schritt hält, ist für jede kommende
Kevolution oder Krieg verantwortlich.
Nun sagte ich, daß nur diejenigen Menschen einen
ßarten besitzen sollen, die ihn bebauen wollen, also die
Schrebergärtner. Der Schrebergärtner ist glücklich, er
jat etwas, das die entsetzlich aufreibende Arbeit wieder
n Ordnung bringt. Er wird geistig und seelisch wieder
um Menschen gemacht. Im andern Fall verroht er.
dicht alle Menschen können einen Schrebergarten be—⸗
itzen oder bebauen. Es gibt viele Berufe, die den
Menschen von der Gartenarbeit ausschließen. Ein Fein—
nechaniker darf nicht einen Spaten in die Hand neh—
nen, er ruiniert seine Hand; ein Violinspieler darf
ticht einen Spaten in die Hand nehmen, er ruiniert
eine Hand. Viele geistige Berufe sind nicht dazu ge—
ignet. Ich habe daher als Chefarchitekt des Siedlungs—
imts der Stadt Wien die Forderung aufgestellt, daß
iur derjenige ein Haus besitzen darf, der Jahre hin—
urch gezeigt hat, daß er imstande ist, einen Garten
u bebauen. Denn dazu bereit sind alle, aber wenn es
azu kommt, so bleiben nur wenige bei der Stange.
Wer aber freiwillig über den Achtstundentag hinaus
ich verpflichtet, Nahrung zu schaffen, dem soll die Mög—
ichkeit gebbten werden, sich ein Haus zu errichten.
Nicht aus öffentlichen Mitteln soll er es erhalten, weil