Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Mitteilungen der Württemberg. Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1927, Bd. 22, Heft 1/12)

Das abgebildete Haus ist das letzte Ergebnis des Wohnhaus—
haues des „Heimstättenbauvereins öffentlich-rechtlicher Beamter“
in Stuttgart.
Dieser Verein baute in den letzten Jahren normale Einzelhäuser
mit 53 Zimmern, nämlich 2 Wohnräumen, einem Elternschlaf⸗
zimmer und 2 Schlafzimmern für Kinder nach Geschlechtern ge⸗
irennt, und den nötigen Nebenräumen wie Küche, Bad, Abstellraum,
 Garderobe, Waschküche und dergleichen. Der Bau solcher
normaler Häuser verursachte jedoch eine Bausumme, deren Ver—
zinsung und Amortisation von einem Beamten selbst bei einem
berhältnismähßig sehr hohen Jahreseinkommen heute nicht getra—
gen werden kann. Die Häuser hatten außerdem alle den Nach⸗
teil, daß sie kaum ohne Dienstboten bewirtschaftet werden konnten.
Aus der Not der Zeit heraus hat deshalb der Vorsitzende dieses
Vereins ein Haus entworfen, das in den Erstellungskosten den
kleinmöglichsten Aufwand verursacht und dessen Einrichtung so
beschaffen ist, daß die Hausarbeiten ohne Dienstboten eventuell
unter Zuhilfenahme einer Aushilfe (Monatfrau) erledigt wer—
den können. Das Problem dieser Bauaufgabe war also nicht nur
ein rein bautechnisches; es war vielmehr zu überlegen, wie weit
der Wohnumfang beschränkt werden kann, welche wesentlichen Be—
ziehungen die Räume zueinander haben müssen und wie deren
Ausgestaltung am besten im Interesse einer vereinfachten
Haushaltführung erfolgt.
Nur ein ganz kleiner Prozentsatz aller Wohnungssuchenden hat
mehr als zwei Kinder. Diese Tatsache ist grundlegend für den
Wohnumfang einer solchen Bauaufgabe, wobei aber nicht aus
dem Auge gelassen werden darf, daß das Haus im Falle des wei—
teren Wachstums der Familie die Möglichkeit einer Vergröße—
rung besitzt.
Unter diesen Voraussetzungen wurde das Haus in der Weise
gestaltet, daß Wohn-, Schlaf- und Wirtschaftsräume (wie Küche,
Bad, Waschküche) auf einem Stockwerk liegen. Das Einfamilien⸗
haus für eine Familie ohne Dienstboten kann diese Räume nicht
auf verschiedenen Stockwerken haben, weil sonst der Hausfrau
eine verhältnismäßig größere Arbeit zufällt und auch die Be—
aufsichtigung der Kinder bei zwei Geschoßen wesentlich schwieriger
ist. Der Grundriß ist also hauptsächlich unter Berücksichtigung der
einfachsten Haushaltführung aufgestellt. Im Besonderen wurde
die Küche als arbeitssparende Küche ausgebildet, in der der Haus—
frau alle unnötigen Wege und Handagriffe erspart sind.

Allgemeine Beschreibung des Hauses.

Beim Eintreten in das Gebäude kommt man in den Treppen—
flur, an dem der Abort liegt. Durch eine Türe gelangt man in
das aroße Wohnzimmer, an das sich mittelst zweiflügeliger
Schiebetüre das kleine Eßzimmer anschließt. Die zweite Türe
des Treppenflurs führt zur Waschküche, welche gleichzeitig Bad
und Abstellraum ist und als Durchgaanasraum zum Garten hinter
dem Hause dient. Zwischen Waschküche und dem kleinen Eß—
zimmer ist die Küche eingegliedert. Neben Wohn- und Eßzimmer
liegen zwei Schlafräume.
Das Untergeschoß wurde bei dem ausgeführten Musterhaus
in größerem Umfang ausgebaut als die für gewöhnlich notwendig
sein dürfte; jedoch ergab sich der große Untergeschoßraum aus dem
zur Verfügung stehenden Hanggelände. Für gewöhnlich soll nur der
Raum unter Wohnzimmer und Treppenflur unterkellert werden.
Im Dachstock ist vorläufig eine Schlafkammer eingebaut, der
übrige Dachboden steht zu Einbauten einer Schlafkammer für
zwei Betten zur Verfügung.

Die einzelnen Räume.

Der verhältnismäßig kleine Treppenflur hat eine an dem
oom Fußboden bis zur Decke durchgehenden Treppengeländer ein—
gebaute, reichlich große Garderobeneinrichtung (f. Schnitt).
Der große Wohnraum bietet ausreichend Gelegenheit zur
Aufstellung der in einer bürgerlichen Wohnung notwendigen
Möbel wie Sofa, Bücherschrank, Schreibtisch, Klavier usw.
Das kleine Eßzimmer hat eine eingebaute Eckbank, so
daß die Verwendung dieses Raumes zwangsläufig gegeben isft.
In der Eckbbank sind Truhen eingebaut zum Zwedke der Aufbe—

vahrung von Kinderspielsachen und dergleichen. An das Eß—
immer ist ein nach der Küche durchgehender Geschirrschrank an⸗
geschlossen, aus dem das Eßgeschirr direkt entnommen werden
ann.
Die zweiflügelige Schiebetüre zwischen Eßzimmer und Wohn⸗
immer ermöglicht das Zusammenziehen dieser beiden Räume,
io daß ein großer zusammenhängender Raum geschaffen werden
'ann. Durch die Lage von Wohn- und Eßzimmer ist immer eine
jute Besonnung und Belüftung dieser beiden Räume gewähr—
eistet.
Die Küche hat durchweg eingebaute Einrichtungsgegenstände.
Auf der einen Längsseite ist der Arbeitstisch angeordnet. Unter
der Arbeitstischplatte sind kleine Schubladen für Einzelvorräte.
An der Außenwand ist unter und über dem Arbeitstisch je ein
ntlüftbarer Speise- und Vorratsschrank eingebaut. Uber dem
Arbeitstisch ist bis zur Türe der schon erwähnte Geschirrschrank
ingeordnet. Auf der andern Längsseite befindet sich der Gasherd
nit Abstellplatte und darüber Wrasenfang. Daneben Spültisch,
iber demselben Gasautomat. Unter dem Spültisch sind zwei kleine
Zchubladen für Mehl und Gewürze, eine größere Schublade für
kKührlöffel und dergleichen und ein Kastenraum für Töpfe unter—
gebracht (siehe Abbildung Seite 30).
An der dem Fenster gegenüber liegenden Schmalseite ist ein
großer dreiteiliger Schrank eingebaut. In dem einen Teil sind
Besen und dergleichen unterzubringen, die beiden andern Teile
ind jeweils unten für Geschirr und oben für Vorräte vorgesehen.
Bier weitere Schubladen für Mehl usw. befinden sich auf halber
Zöhe. Eine verschiebbare Lampe soll die Beleuchtung aller Teile
ermöglichen.
Alles weitere über die Küche ist aus den beiden perspektivischen
Ansichten und aus der isometrischen Darstellung zu ersehen. In
»er isometrischen Darstellung sind die Horizontal- und Vertikal⸗
naße maßstäblich eingezeichnet, so daß alle Einzelmaße aus der
Darstellung herausgegriffen werden können.
Die Waschküche dient zugleich als Bad. Sie ist so geräumig,
»aß auch noch andere Gegenstände, wie Fahrrad, Motorrad, Kin⸗
zerwagen, Handwagen, Holländer, Radelrutsch und dergleichen
zarin abgestellt werden können.
Beim Waschen und Kochen ist es der Hausfrau möalich, die
Zinder neben den Hausarbeiten zu beaufsichtigen, was bei einer
Waschküche im Untergeschoß und Schlafräumen im Obergeschoß
laum ermöglicht werden kann.
Das Schlafzimmer der Eltern enthält ein Wasch-—
zecken mit fließendem Wasser und zwei eingebaute Schränke für
Kleider, darüber einen auf die ganze Zimmertiefe durchgehenden
Schrank für Wäsche und dergleichen.
Das Kinderschlafzimmer ist von derartigen Abmessun⸗
gen, daß zwei Betten gestellt werden können. Es enthält ebenfalls
ein eingebautes Waschbecken mit fließendem Wasser und einen ein⸗
gebauten Kleider- und Wäscheschrank.
Der Dachstock ist so konstruiert, daß er mit ganz einfachen
Mitteln ausgebaut werden kann. Neben der vorläufig eingebau—
en Kammer ist es möglich, einen Raum mit vollkommen hori⸗
ontaler Decke und senkrechten Wänden in den Abmessungen von
3,75 3,75 m einzubauen. In diesem Fall entsteht ein großer
Vorplatz von 7,5)02,5 mm, der den Zweck hat, die Schränke auf—
unehmen, in denen im Sommer die Winterkleider und im Win⸗
ler die Sommerkleider aufbewahrt werden. Dieser Vorplatz wird
zurch zwei liegende Dachfenster ausreichend hell belichtet und
dient als Bügelraum, außerdem auch als Tummelraum für die
Kinder. Der verbleibende Dachboden ist von ausreichender Größe
um Trocknen der Wäsche. Er enthält auf beiden Seiten der Dach—
lächen Dachfenster und ist dadurch sehr gut durchlüftbar.

Die Konstruktion des Hauses.

Das Untergeschoß ist bekoniert, der Keller gemauert. Der Erd—
reschoßboden ist als Massivdecke (Betonbalkensystem von Bürkle—
Schmiden) ausgeführt. Die übrige Konstruktion der Wände ist
eine Holzfachwerkkonstruktion ähnlich derjenigen der amerikanischen
Bauweise. Die Hölzer wie Schwellen, Pfosten, Pfetten, Balken,
Zparren, Zangen usw. sind nur vermittelst Nagelung miteinan—⸗
der verbunden (siehe Abb. S. 28). Die Zimmerarbeit, die nur
nit gelernten Zimmergesellen ausgeführt werden kann, ist auf

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