Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Monatszeitschrift der Staatlichen Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1932, Bd. 27, Heft 1/12)

Die alte Fachwerksbauweise

Die in der Nachkriegszeit einseßende Bevorzugung des Holzes
 als Baumaterial war in erster Linie durch wirtschaftliche
Gründe bestimmt (hohe und schwankende Eisenpreise, hohe
Eisenbahnfrachten, stärkere Notwendigkeit der Wärmehallung:
 alles Auswirkungen der damals fast unerschwinglichen
Kohle). Im Ingenieurholzbau wurden zu dieser Zeit auf Grund
von statischen Erkenntnissen neue Wege beschritten, die sich
unwillkürlich auch auf den Holzfachwerkbau auswirkten, Dazu
 kamen noch die Anregungen aus dem amerikanischen
Holzhausbau, der damals bekannt geworden war. Die Hönerentwicklung
 des Holzhausbaus, die sich damit anbahnte,
ging in erster Linie darauf aus, die erkannten Mängel der
alten Fachwerkskonstruktion auszumerzen.
Charakteristisch für das alte Holztachwerk sind die zimmermannsmäßigen
 Holzverbindungen. Eine Schwächung der
hauptsächlichsten Hölzer an wichtigen Knotenpunkten ist bei
diesen Verbindungen nicht zu vermeiden. Mit Rücksicht auf
die Schwächung müssen die Hölzer bedeutend stärker gewählt
 werden, als ihr tatsächlicher statistischer Wert wäre.

Als Nachteile der alten Fachwerksbauweise kommen in erster
 Linie der stockweise Aufbau (Abb. 8) und das starke
Schwinden des Holzes, rechtwinklig zur Faser, in Frage. Durch
die in sich abgeschlossene Herstellung jedes einzelnen
Stockwerkes mit beschlagenem Holz war es nicht möglich,
rationalisierte Arbeitsmethoden einzuführen. Ein Hauptnachteil
 bei der alten Konstruktion ist jedoch die starke Anhäufung
 von Querholz, wie dies durch die altbekannte Anordnung
 der Schwellen, Pfetiten und Balken geschieht. Bei einem
dreistockigen Fachwerksgebäude beträgt z.B. die gesamte
Höhe des Querholzes aus Schwellen - Pfetten - Balken schon
1,10-1,30 m. Das Schwindmaß für das übliche zum Bauen
verwendete Nadelholz beträgt, frisch geschnitten, verarbeitet
 6-10°%. Nehmen wir für frisches Holz nur einen Durchschnittswert
 von 5°/,, so ergibt sich für ein dreistockiges (nach

Abb. 8. ALTE FACHWERKSBAUWEISE,

ler alten Konstruktion) erstelltes Fachwerkgebäude ein
schwindmaß von 5—6 cm, dazu kommen noch die Einpres-‚ungen
 der Pfosten in das querlaufende Holz der Schwelan
 und Pfetten. Dieses Einpressen kann durch ungleiche
‚astverteilung, sowie durch zu schwache und teilweise zu
‚urze oder ungleich gestellte Pfosten oft sehr einseitig erolgen.
 An alten Fachwerksgebäuden kann man daher oft
‚eobachten, wie sich besonders der Pfetiten- und Schwellen-<ranz
 unter und über den Balkenlagern aeradezu wellen-Örmig
 gesekt hat.

Der Außenpub kann aber die Segungen der Holzkonstrukjonen
 nicht mitmachen und so kommt es dann zu den becannten
 Pukrissen, Abschiebungen und Ausbauchungen des
>ukes, Richtig gesebt oder zur Ruhe gekommen ist ein Fachnerkbau
 erst nach 5-6 Jahren. Doch ist es praktisch unmögich,
 etwa mit dem Anbringen des Außenpukes 5 Jahre zu
warten, Um die vom Sockel bis zur Traufe durchgehende
’ubschicht zu vermeiden, hat man schon früher zu dem Mitel
 gegriffen, die Fachwerksgebäude von Stockwerk zu Stockverk
 zu überseben, d. h. also jede Balkenlage einige Zenfineter
 über die unter ihr befindliche Wand überstehen zu
assen. Dadurch waren dann die Sekungen durch Unterteilung
auf die einzelnen Stockwerke beschränkt.

Mit dieser Aufzählung der Mängel des alten Fachwerkbaus
st auch zugleich die Richtung gezeigt, in der sich die Verollkommnung
 des Holzbaus bewegen wird. Alle neuzeitichen
 Holzkonstruktionen, soweit sie ein Anrecht auf diese
3ezeichnung haben, suchen einen Weg, um den altbekannen
 Nachteilen auszuweichen. Je vollkommener ihnen dies
Jelingt, desto mehr Beachtung verdienen sie. Es kommen
ıber noch weitere Gesichtspunkte dazu, die ebenfalls zu
ner Umbildung des Systems beigetragen haben. Erwähnt
ei neben den bekannten Fragen, wie man am besten die
Sefahr von Feuer, Ungeziefer und Fäulnis vermeidet, als
3eispiel nur die Forderung nach erhöhter Schallisolierung,
die uns von unseren durch den Straßenlärm stark beanspruchten
 Nerven auferlegt wird. Aber einer der allerwichtigsten
Gesichtspunkte ist wirtschaftlicher Art, nämlich die Notwendigkeit,
 die Baupreise zu senken, um den Wohnungsbau,
insbesondere auch den privaten, überhaupt zu ermöglichen.
Ein Mittel hierzu ist die Normierung und die Typisierung,
die sich beim Holzbau geradezu aufdrängt. In welcher Weise
größere Vorteile erzielt werden können, ob in der Normierung
 wichtiger Bauteile oder in der Einstellung der Konstruklion
 auf normierte Materialien (wie in Nordamerika) ist noch
immer eine Frage, die in Deutschland vorläufig noch unbeantwortet
 ist, da man noch keine vergleichenden Erfahrungen
darüber besitt. Allen Normierungsfragen stehen bei uns in
Deutschland, wo man die Bauteile normiert hat, ästhetische
Fragen stark im Weg. In gleicher Weise stößt die Typisierung
der Grundrißlösungen und der Hauslösungen auf großen
Widerstand.

In unserer kurzen Zusammenfassung können nicht alle neueren
 Holzbausysteme wiedergegeben werden; es wurden die
wichtigsten herausgegriffen, die voraussichtlich für die Weiterentwicklung
 des Holzbaus von besonderer Bedeutung sind.
Wie weit wir noch von der Synthese aus diesen mannigfaltigen
 neu aufgetretenen Forderungen entfernt sind, wissen
wir nicht. Aber dies eine kann zum mindesten festgestellt
werden, daß auch im Holzhausbau, wie in andern Teilen des
Bauwesens und darüber hinaus ein sehr erfreulicher Reinigungsprozeß
 vor sich geht, der über kurz oder lang nicht nur
zu einer neuen verbesserten Technik, sondern auch zu einer
neuen ästhetischen Formung führen wird.
Daß Deutschland und im besonderen Württemberg als Länder
 mit großem, gutem Waldbestand aus volkswirtschaftlichen
Gründen größtes Interesse an einer solchen Höherentwicklung
 des Holzbaues haben müssen, steht auher Frage.

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