Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Monats-Zeitschrift der staatlichen Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1933, Bd. 28, Heft 1/12)

Warum ist diese Tatsache nicht allgemein bekannt? Weil der
Bauherr bloß zu leicht nur auf die Erstellungskosten schaut
und die Ausgaben für Instandsebung außer Acht läßt. Für
den tatsächlichen Wert eines Gebäudes ist aber die Lebensdauer
 von allergrößter Bedeutung. Der andere gegenwärtig
nöchst wichtige Punkt ist die Tatsache, daß die Verwendung
von Naturstein ein Höchstmaß von Arbeit schafft, was sich in
ainer Erniedrigung der Arbeitslosenzahl ausdrückt.
Zum dritten besitt ein Gebäude aber nicht nur einen Geldwert,
 es stellt auch einen künstlerischen Wert dar, und es
kann nicht bestritten werden, daß der Naturstein ein Kulturiräger
 ersten Ranges ist. Es ist eine alte Erfahrungstatsache,
daß selbst künstlerisch nicht einwandfreie Gebäude im Gesamtbild
 einer Stadt nicht unangenehm auffallen, wenn sie
ın dem dort gebräuchlichen Naturstein errichtet wurden.
Was bieten unsere Natursteine für weitere Vorteile gegenüber
 anderen Baustoffen?
Damit haben wir ein Gebiet berührt, das bislang auch viel
zu wenig Beachtung gefunden hat: Der Naturstein bietet vor
anderen Baustoffen Vorzüge, die ihm allein eigen sind. Ge-‚ade
 für die schöpferische Gestaltung ist der Naturstein ein
geeignetes Material, Allerdings hat man sich an der überadenen
 Ornamentik der Vorkriegszeit sattgesehen. Die
aatürliche Reaktion führte zur nackten Form mit Flächenwir-<ung.
 Aber was war die Folge? Die Mehrzahl der Aufträge
st rascher als früher erledigt. Der Architekt und der Handwerker
 ist Opfer der falschen Auffassung geworden, die die
Lösung im rascheren und billigeren Bauen suchte. Hier sollte
aine Wandlung eintreten. Damit soll nicht gesagt sein, daß
man nun etwa einen neuen Stil entwickeln soll, die Formen
<Öönnen nicht erzwungen werden, sie werden immer ein Ergebnis
 der geistigen Verfassung der jeweiligen Zeit sein,
Nur das Eine kann verlangt werden, daß der Handarbeit
wieder der Wert beigelegt wird, der ihr auch heute noch zu-<ommt,
 Hierdurch wird auch der heute schwer getroffene
3ildhauer wieder zu tun bekommen.
Welche Anforderungen stellt unsere Zeit an gute Nalursteine

zs hängt jeweils vom Verwendungszweck ab, welche Eigenschaften
 ein Naturstein besitgen soll. Für den Wohnungsbau
wird in erster Linie ein Material gefordert, das möglichst billig
 ist, aber doch größte Haltbarkeit besitst. Die Druckfestigkeit
 ist dabei ziemlich nebensächlich, da sie bei den in unserer
 Gegend gebräuchlichen Sorten weit über der meist
üblichen Beanspruchung liegt. Wichtig sind außerdem Porosität,
 Korngröße, Wärmeleitfähigkeit, Gewicht und vor allem
die chemische Zusammensebung.
Die Korngröße soll möglichst gering sein, da grobes Korn
Dei der Ausgestaltung bildnerischen Schmucks Schwieriqkeiten
 bereitet.
Die Porosität ist maßgebend für die Saugfähigkeit bezw.
die Undurchlässigkeit. Wieder ist je nach dem Verwendungszweck
 ein Unterschied zu machen. Für Umfassungswände
st ihre Kenntnis wichtig, da durch sie die Wärmeleitfähigkeit
dis zu einem gewissen Grad beeinflußt wird, Bei Sandsteinen
 sollen keine größeren Hohlräume vorhanden sein, weil
sie unschön wirken. Anders bei Kalken und Kalktuffen, deren
Eigenart häufig gerade durch diese Hohlräume bedingt wird.
Die Wärmeleitfähigkeit soll möglichst gering sein. Sie
schwankt in verhältnismäßig engen Grenzen.
Das Gewicht der Steine soll möglichst niedrig sein. Auch
nier sind die Unterschiede gering, wenn man von den qgrob-5origen
 Kalktuffen absieht.
Wenn also die physikalischen Eigenschaften in den meisten
Fällen nicht gerade große Unterschiede aufweisen, so gilt
dies umsomehr für die chemische Zusammensetzung und damit
 für die Wetterbeständigkeit. Hier sollten nicht nur die
seither üblichen Forderungen gestellt, sondern darüber hinaus
nur vollständig einwandfreies Material verlangt werden. Gerade
 die vor dem Weltkrieg oft gelieferten schlechten Sandsteine
 waren es ja. die den Naturstein in Verruf brachten.

/on den Sandsteinen fordert unsere Zeit also, daß sie
der schwefligen Säure der Rauchgase widerstehen. Ganz
äßt sich die Verwitterung ja bei keinem Baustoff ausschalten,
veder bei den natürlichen, noch bei den künstlichen. Wesentich
 ist also das Maß der Verwitterung. Bei den Sandstei-1en
 gibt es drei Sorten: Solche mit tonigem, mit kalkigem
und mit kieseligem Bindemittel, Toniges Bindemittel
st nur in ganz wenigen Fällen brauchbar. Der Tongehalt muß
lann möglichst nieder und fein verteilt sein, wie dies etwa
‚eim Maulbronner Schilfsandstein der Fall ist. In allen andeen
 Fällen haben die Sandsteine nur geringe Lebensdauer,
Ja sie von der schwefligen Säure und der Kohlensäure stark
ingegriffen werden. Umgekehrt verhält sich kalkiges Bindenittel.
 Je größer der Kalkgehalt in einem Sandstein, umso
angsamer die Verwitterung. Bei Ton- wie Kalksandsteinen
nuß die Porosität möglichst gering sein, da von ihr das Eindringen
 des säurehaltigen Regenwassers abhängt. Am besten
ind zweifellos Sandsteine mit kieseligem B ndemittel,
ja Kieselsäure praktisch überhaupt nicht angegriffen wird.
Je verwittern nur durch Wasser, das in den Poren gefriert,
deshalb sollen auch sie ein Minimum an Porosität besiben,
vas meistens bei den feinkörnigen Sorten der Fall ist. (Einen
Vachteil bietet das kieselige Bindemittel, nämlich schwierige
bearbeitung und Gesundheitsschädigungen der Steinhauer
Jurch den Gesteinsstaub).

Die Kalksteine müssen möglichst rein sein. Je größer der
“ongehalt in einem Kalkstein ist, umso leichter verwittert er.
Die gegenwärtig im Handel befindlichen Sorten erfüllen diese
‘orderung.
die übrigen Forderungen nach Blockgröße, Färbung usw. sind
‚on Fall zu Fall verschieden. Leider werden häufig gerade
n Bezug auf die Farbe viel zu hohe Forderungen gestellt.
Mancher Architekt sett es sich in den Kopf, irgend eine be-;timmte
 Farbenspielart zu erhalten. Solche Kleinigkeiten sollen’unbedingt
 vermieden werden, da sie nur unnötige Kosten
‚erursachen. Man sollte nie vergessen, daß die Farbe bei
ıafürlichen wie künstlichen Baustoffen nie etwas Beständiges
st, daß sie sich vielmehr im Freien rasch verändert, da die
hemische Wirkung der Atmosphäre und mikroskopischer
„‚ebewesen an der Oberfläche Veränderungen der Farbe
ıerbeiführen.

Welche einheimischen Natursteine sind heute
zebräuchlich }
Man pflegt in der Praxis drei Gesteinsgruppen zu unter-;cheiden:
 Hartgesteine, Sandsteine und Kalksteine. Alle drei
iind in Süddeutschland vertreten. Der geologische Aufbau
der schwäbischen Schichtstufenlandschaft erschließt eine Ge-;teinsfolge,
 die mit dem Grundgebirge aus der Steinkohlenzeit
 beginnt und über Buntsandstein, Muschelkalk und Keuzer
 bis zum Jura hinaufgeht. Ablagerungen der Kreidezeit
ehlen. Es folgen Tertiär, Diluvium und Aluvium. Das Grundjebirge
 birgt Hartgesteine. Buntsandstein und Keuper, z. T.
auch Jura und Tertiär, liefern Sandsteine, während die Kalke
während der Muschelkalk-, Jura- und Tertiärzeit gebildet
wurden. Die Kalktuffe stammen aus Diluvium und Aluvium.
Überblick über die verschiedenen Gesteinssorfen
 Württembergs*
1. Sandlkstaine

a) Buntsandstein. Vorkommen: Schwarzwald, Farbe rot
is braunrot. Bindemittel tonig oder kieselig. Die kieseligen
orten sind, wie erwähnt, an der großen Härte zu erkennen.
3esonders gute Lagen finden sich in der Zone des „Bau-;‚andsteins”
 und des „Plattensandsteins”. Die Druckfestigkeit
»eträgt ungefähr 500 bis 1000 kg/cm? nach häufigem Gefrie-'en,
 doch erreichen die besten Sorten bis über 2000 kg/cm?.
\ls Beispiel für eine Stadt, die nahezu ganz aus Buntsandstein
 erstellt ist, sei Heidelberg angeführt. Kieselige Sorten
sind für die Arbeiter gesundheitsgefährlich.
* Ausführliche Angaben s. Erwin Reyer. Die Bausteine Würtembergs.
dalle/Saale 1927
Fortsekunag 3. Umschlaaseite
            
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