Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Monats-Zeitschrift der staatlichen Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1933, Bd. 28, Heft 1/12)

Zwischenräumen schwarzdunkie Stellen, die wie Löcher innerhalb
 des beleuchteten Raumteiles wirken. Das Dunkel
solcher Stellen wirkt, wovon sich jedermann überzeugen kann,
nicht ahnungsvoll erfüllt, sondern hohl. Dann sollte ferner
beachtet werden, wie die Schattenwirkung einer von oben
kommenden direkten Beleuchtung sich fast schemenhaft auf
den Gesichtern der Kirchenbesucher auswirkt, Die Wirkung
dieses Lichtes, das vielfach nur das Lesen-Können bezweckt,
reißt den Kirchenraum nach ungleich Hell und Dunkel in harter
 Gegensätlichkeit auf, es zerreißt den Raum.

Die indirekte Beleuchtung hat keine sichtoffene Lichtquelle,
Damit fallen sämtliche Blendungserscheinungen der Birne
weg. Sie erfüllt den Raum mit gleichmäßiger Lichtwirkung
und schafft damit einen geschlossenen ganzen Raum, der
dadurch schon ruhig wirkt. Denn Unruhe entsteht immer durch
ungleiche Teile. Die Lichtwirkung kann mach den feinsten
Graden abgestuft werden und kommt in dieser Abstufung -
das ist der Unterschied gegenüber direkter Beleuchtung -
dem ganzen Raume zugute. Die Frage der direkten oder
indirekten Beleuchtung wird aus den hier angeführten Gründen
 beim Kirchenraume auf die Lösung durcm die indirekte
Beleuchtung führen. Proben und Vergleiche beider Lichtarten
tun die Richtigkeit des hier Vargebrachten anschaulich dar.

Die technischen Möglichkeiten einer indirekten Lichtanlage
liegen heute in verschiedenen erprobten Systemen vor. Diese
Systeme sind bei den zuständigen kirchlichem und Verwaltungsbehörden
 und innerhalb der Architektenschaft bekannt.
Die Wahl unter den einzelnen Systemen wird jeweils. durch
die örtlichen Verhältnisse, durch technische und: wirtschaftliche
Gründe neben den ästhetischen einer schönen Lichtwirkung
bestimmt werden. Aber es gibt einen Gesichtspunkt, der
außerhalb und beim Kirchenraume vor allen. anderen Gründen
 steht. Er ist zugleich der Gesichtspunkt der subtilsten
Sründe und soll hier besprochen werden.

Foto Sporrer
Abb. 1. BELEUCHTUNGSPROBE im Chor der Leonhardskirche Stuttgart.
Die sichtbaren alten Beleuchtungskörper sind hier nicht in Gebrauch und
sind weazudenken

Hier darf eine praktische Überlegung eingeschaltet werden.
Unsere Kirchenräume sind entweder barock oder gotisch
oder romanisch gewölbt oder flach abgedeckt. In fast allen
Fällen ist die Decke mit künstlerischer Sorgfalt behandelt,
sei es architektonische Gliederung, sei es Bemalung. Man
darf sich dann fragen, ob es wirklich im Sinne des Erbauers
liegt, wenn man diese Deckenarbeit durch Dämmer der Sicht
teilweise entzieht. Man sollte eher meinen, solche kunstvollen
 Decken seien auf volle Sicht hin veranlagt. Zum vollräumlichen
 Erleben einer Kirche gehört es, daß die Decke
mit einbezogen ist. In der Gotik, im Barock, in romanischen
Kirchen führen alle vertikalen architektonischen Gliederungen
zur Decke, von dieser wieder zurück, es ist für den Blick ein
harmonisierendes Durchdringen von unten und oben: religiöses
 Raumerleben.
Hat man sich davon überzeugt, daß der ganze Kirchenraum
zu erleuchten ist, so steht man vor dem Wie? Hier sind zwei
Arten von Beleuchtung zu wählen: die direkte oder die indirekte.
 Dazwischen liegen die Übergänge der gleichförmigen
 und der halbindirekten Strahlung. Wir besprechen die
veiden ausgesprochenen Fälle: direkt oder indirekt.
Die direkte Beleuchtung zeigt die Lichtquelle, d. h. Birne oder
Soffitte. Der Beschauer sieht die elektrische Lampe, auch wenn
sie geschirmt ist. Und diese Tatsache hat viele Geistliche dazu
 geführt, gegen elektrische Beleuchtung zu sein. Denn sie
spüren, wie dieses Licht das intime, warme Kerzenlicht überstrahlt.
 Sie spüren ferner, wie die Bauformen und Malereien
und Plastiken der Kirche in ein zu hartes Licht gestellt werden.
 Das lettere zeigt sich besonders, wenn elektrische Lampen
 von der Decke herunterhängen. Dann hat man überhelle
Blendpunkte mit den Lampen und deren Scheinravon, in den

Es handelt sich um die Wesensart des Lichtes, Denn Licht ist
nicht gleich Licht. Damit soll nicht die Helligkeitscifferenz
sondern die Grundlage der jeweiligen Lichtquelle gemeint
sein, Vergleicht man Kerzenlicht, die Ollampe mit dem elekrischen
 Lichte, so kommt man auf folgenden Unterschied:
3ei der Kerze, beim Öllichte wird Substanz verzehrt, damit
_icht wird. Im bildhaften Vergleich trifft man diesen Tatbestand
 in seiner kultisch-religiösen Bedeutung am richtigsten,
nenn man sagt: Substanz wird um des Lichtes willen geopfert,
Die Substanz gibt sich auf um die Sonnenkraft, die ihr ehenals
 eingeströmt ist, im Lichte wieder frei zu geben. Dieser
Vorgang umschreibt den feierlichen und zugleich traulichen
Nert des Kerzen- und Ollichtes. Gerade in kirchlichen Kreisen
vürdigt man diese Tatsache, welche im Einklang mit religiöser
"radition steht.
Das elektrische Licht ist ein Licht irdischer Energie. Das ist
‘estzuhalten. Denn dies deckt sich mit der Erfahrung, daß
alektrisches Licht nicht so recht zu der kirchlichen Stimmung
aines Kirchenraumes passen will. Geht man den Gründen
1ach, warum dies der Fall ist, so kommt man zum Ergebnis,
daß die irdische Wesensart dieses Lichtes in der Anordnung
im Kirchenraume nicht berücksichtigt worden ist. Man wird
<eine anderen Gründe finden können. Wie ist aber elektrisches
 Licht anzuordnen, daß es seiner Wesensart entspricht?
Darauf gibt es nur eine Antwort: es muß von unten
1ach oben strahlen! Dann kommt es in der Anordnung
Jaher, wo die elektrische Energie herkommt. Es könnte schei-1en,
 als ob diese Überlegung zu weit gehe. Sie ergibt sich
1ıber notwendigerweise, wenn man für die elektrische Lichtquelle
 ihrem Wesen als Elektrizität entsprechend die künsterisch-wahrhaftige
 Anordnung im Kirchenraume sucht. Und
die Forderung künstlerischer Wahrhaftigkeit ist als ernsthaf-‚este
 Forderung an einen Kirchenraum zu stellen, heute wie
ainst im Mittelalter, das in heiligem Ernste von „der Gerechigkeit
 um Steinwerks willen” sprach. Man wird an dieser
(Fortsekung 3. Umschlagseite])
            
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