„Stuttgarter Uni-Kurier
Zeitung der Universität Stuttgart
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Nr. 57/Januar 1993
‚Wir haben sie ver ehrt und geliebt“: TEE nrerhen
Akademische Gedenkfeier für ı zart
zu 1 3. 1993
Käte Hamburger
Erklärung des Großen Senats
gegen Fremdenfeindlichkeit
Zeitschrifeenstelle
‚In der Überzeugung,
Yaß Universitäten in besonderem
‘1aße auf internationale Zusamnenarbeit
und Verständigung anlewiesen
sind, weil ohne den frein
Austausch von Gedanken und
Meinungen sowie auch von Dozen-')en
und Studenten über die Gren-'en
hinweg ertragreiche For-;chung
und fruchtbare Lehre nicht
nöglich sind,
'n der Erinnerung,
Jaß deutsche Universitäten in Zeien
der Unfreiheit gegen diesen
arundsatz weltbürgerlicher Toleanz
verstoßen haben, so daß viele
hrer Mitglieder nur im Asyl weiter-‚rbeiten
und überleben konnten
ınd infolgedessen neben dem An-'ehen
auch die Forschung des eijenen
Landes unermeßlichen
schaden nahm,
7 dem Bewußtsein,
laß viele unserer Professorinnen
ınd Professoren sowie manche
'nserer besten Studentinnen und
;»tudenten im Ausland forschen,
ahren und studieren und dabei
Gastfreundschaft brauchen und
‚jelfach erfahren,
Die Universität Stuttgart lud ein zur akademischen Gedenkfeier für eine „bedeutende Geisteswissenschaftlerin“.
Das ist für eine Hochschule, die sich bis vor 25 Jahren noch mit dem präzisierenden Beiwort „technisch“ versah,
nichts Selbstverständliches. Gleichwohl verdient die im April 1992 hochbetagt verstorbene Literaturwissenschaftlerin
Käte Hamburger diese außerordentliche Ehrung durchaus, und sogar Bundespräsident Richard von
Neizsäcker, dem sich die Gelehrte auf besondere Weise verbunden fühlte, war zu der Gedenkfeier am 8. Dezemer
1992 erschienen, um der Verstorbenen seine Referenz zu erweisen — eine Geste der freundschaftlichen Verehrung,
die der Veranstaltung einen zusätzlich herausgehobenen Rang verlieh. Musikalisch gerahmt wurde die
zeier durch vier Solisten vom Akademischen Orchester der Universität Stuttgart.
wrklärt der Große Senat der Uni-'ersität
Stuttgart in tiefer Sorge
iber die gegenwärtigen Auswrüche
von Fremdenfeindlichkeit
ınd unter Berufung auf die verfassungsmäßig
garantierte Unantastjarkeit
der Würde des Menschen
eine Verbundenheit mit den ausändischen
Kolleginnen und Kollejen,
Kommilitoninnen und Komnilitonen,
die hier lehren, forschen
ınd studieren.
:r appelliert an alle Mitglieder der
Iniversität, mit ihnen im Geist von
oleranz und Gastfreundschaft zusaammenzuarbeiten
und sich notalls
schützend vor sie zu stellen.
Rektorin Professor Heide Ziegler ernnerte
in ihrer Begrüßung auch an
dersönliche Begegnungen mit Käte
Aamburger, die bis ins hohe Alter am
Iniversitären Leben teilgenommen
ıatte, obschon ihr die (hochverdien-'e)
Position einer ordentlichen Professur
— in Stuttgart wie anderswo — zeit
hres Lebens versagt geblieben sei.
V\ach eigenem Eingeständnis ver-Jankt
die Rektorin ihr wichtige Impul-;e
für den Entschluß, sich um das
Amt an der Spitze der Universität zu
7emühen. Als Folge ihrer Diskriminieung
sowohl als Jüdin als auch als
3elehrte habe Käte Hamburger den
hr angemessenen Platz in der Uni-/ersität
niemals einnehmen können.
Jarunter habe sie stets gelitten. Daß
ıunmehr erstmals eine Frau (und
ıoch dazu eine Geisteswissenschafterin)
der Stuttgarter Hochschule vorstehe,
sei, wie Frau Ziegler zu versteıen
gab, nicht zuletzt eine Art später
äenugtuung für die Verstorbene gewesen.
Der Blick auf das schwere persönli-3he
Schicksal Käte Hamburgers, die
1933 von den Nazis vertrieben wurde
Ind bis 1956 im schwedischen Exil
ebte, müsse auch Anlaß zu einer Absage
an jeglichen Fremdenhaß sein,
’)etonte die Rektorin in aller Eindring-'chkeit:
„Als Deutsche hat sie unserer
Nissenschaft Ehre gemacht; als Jülin
mußte sie das Land verlassen.“
Inter deutlichem Bezug auf die wilerlichen
Erscheinungen der aktuelen
Fremdenfeindlichkeit hierzulande
°ob sie hervor, daß der an Hindernisen
und Rückschlägen reiche Leensweg
Käte Hamburgers durchaus
xemplarische Bedeutung habe:
Jas Gedenken an Käte Hamburger
nthält die Lehre, daß wir mit denen,
e anders sind, manchmal die verfolen
und vertreiben, die das Beste
ind, was wir als Deutsche haben.“
je hohen wissenschaftlichen Verijenste
wie die außerordentlichen
'enschlichen Qualitäten der Verstorenen
unterstrich auch ihr (mediävitischer)
Fachkollege Professor
ıünther Schweikle in seiner rücklickenden
Rede „Käte Hamburger
ad Stuttgart“. Ein gutes Drittel ihres
it 95 Jahren ungewöhnlich langen
ıbens habe sie in der württembergi-;hen
Metropole verbracht. Daß sie
verhaupt aus dem Exil nach
)eutschland zurückgekehrt sei,
ehöre zu den Verdiensten des Stuttarter
Germanisten Fritz Martini, der
brigens ebenfalls erst vor kurzem
m Juli 1991) gestorben ist und dem
chweikle in seiner Rede wie nebenai,
aber mit der List der Vernunft ein
hrendes Denkmal setzte.
lartini, Ordinarius für Literaturwisanschaft
und Ästhetik an der (da-1als
noch) Technischen Hochschule,
af 1956 die schon seit den 20er
ıhren als Gelehrte international
ıänzend ausgewiesene, aber immer
5ch im schwedischen Exil lebende
äte Hamburger bei einer Ostberliner
agung über Thomas Mann und lud
2 ein, mit ihm zunächst im Rahmen
er „Bildungsfächer“ und des Studim
generale, dann aber auch (ab
968) im erweiterten Zusammenhang
it dem Ausbau der Geisteswis-Chenschaften
zu lehren.
j‘jese Begegnung, so betonte
;chweikle, gab nicht nur dem Leben
on Käte Hamburger eine — wie sie
elbst es 1980 rückblickend empfand
„entscheidende und glückliche
Vendung: Stuttgart als neue Heimat
ıd Wirkungsfeld mit allem, was an
sbensfreundschaft dazugehört“. Ihre
‚erufung hatte auch für das akademiche
Leben der Hochschule bedeutames
Gewicht: „Fritz Martini und
(äte Hamburger haben mit zu dem
tuf beigetragen, den die Universität
stuttgart hatte und hat.“ Darüber hin-(Fortsetzung
auf Seite 21
zr appelliert zugleich an alle Bürjerinnen
und Bürger, den in
deutschland lebenden Ausländeinnen
und Ausländern im glei-:hen
Geist zu begegnen. Fremdeneindlichkeit
schadet nicht nur unjerem
Ansehen in der Welt, sonlern
vor allem uns selbst“.
Akademische Feier zur Rektoratsübergabe:
Einheit von Forschung und Lehre erhalten
"um ersten Mal in der 163jährigen Geschichte der Universität Stuttgart hat mit der Amerikanistik-Professorin Dr.
'eide Ziegler eine Rektorin dieses Amt übernommen. Altrektor Prof. Dr.-Ing. Jürgen Giesecke, der am 30. Sepımber
aus dem Amt geschieden war, überreichte seiner Nachfolgerin bei der Akademischen Feier zur Rektoatsübergabe
am 28. Oktober die Amtskette. Wissenschaftsminister Klaus von Trotha sicherte Frau Professor
‘egler für ihr „schwieriges und verantwortungsvolles Amt jede mögliche Unterstützuna“ zu. Professor Gieecke
dankte er für eine „hervorragende zweijährige Zusammenarbeit“
jerichten. Davon seien 37 für wissenichaftliche
Assistenten vorgesehen,
vährend die anderen Stellen die Inrastruktur
der Universität stärken
ollten. Außerdem erhalte die Univer-‚tät
13 Millionen Mark zusätzlich für
nvestitionen und laufende Sachaufvendungen.
der Minister appellierte an die Uni-/ersitäten
die zusätzlichen Stellen
ınd Mittel möglichst effizient und fledibel
einzusetzen. Die langen Fach
studienzeiten, die nach einer Erhebung
des Statistischen Landesamtes
letzt bei 6,7 Jahren lägen, müßten im
‚nteresse der Studierenden, der Uni-‚ersitäten
und der Gesellschaft spür-)jar
verkürzt werden, betonte er. Die
Jniversität Stuttgart habe mit der
Straffung der Studienpläne hier beseits
Schrittmacherdienste geleistet.
ie Universität Stuttgart werde aus
'em Monrepos-Programm rund 90
usätzliche Stellen erhalten, konnte
er Minister bei dieser Gelegenheit
nen während der Weltmeisterschaft
N August 1993 und an die mehrmoatige
Vakanz im Amt des Kanzlers.
löchst erfreulich ist“, betonte Prof.
äesecke andererseits, „daß die Uniersität
Stuttgart hinsichtlich des
)rittmittelaufkommens alle deutschen
miversitäten mit Abstand anführt“.
Ait diesen Mitteln in Höhe von 170
‘is 180 Millionen Mark könne etwa
lie Hälfte der 5000 Bediensteten be-'ahlt
werden. Die katastrophale Wohıungssituation
der Studierenden
‘abe stets zu den Hauptsorgen des
Rektorats gezählt. Hier sei eine Linjerung
durch die Baumaßnahmen
Allmandring II und Ludwigsburg | in
Sicht. Zudem konnten die Mietpreis-Fortsetzung
auf Seite 2
>ositive Bilanz
zine insgesamt positive Bilanz seiner
Amtszeit zog — allen Schwierigkeiten
zum Trotz — Altrektor Giesecke. Er ernnerte
an die Studentendemonstrajonen
gegen Mietpreiserhöhungen,
nit denen er unmittelbar nach der
\mtsübernahme konfrontiert worden
war, an die Auseinandersetzungen
ım Prorektor Schiehlen, an die im
Zusammenhang mit dem Golfkrieg
vieder aufgeflammten Diskussionen
im Rüstungsforschung und die Einährung
einer Zivilklausel, an den Wierstand
der Studierenden gegen die
eplante Unterbringung von 250C
aichtathletan in Studentenwahnhai-:
Aus dem Inhalt:
\rktis-Expedition beendet Seite 3
Jeues von Lilo Hermann Seite 4
Aagister und Arbeitswelt Seite 4
Vissenschaftsmanagement Seite 5
\erosole in Technik und Umwelt Seite 6
‚DV-Gruppe der Architekten Seite 6
nglistentag in Stuttgart Seite 7
ıhresversammlung der
eundesvereinigung Seite 8/9
5 ‚Jahre Aystauseh mit Nragan Saite 11
3edenkfeier für Käte Hamburger: von links Rektorin Professor Dr. Heide Ziegler. Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der Tü-"nder
Literaturwissenschaftler Professor Dr. Dr. h. c. Hans Maver fFatn: Eppler)